Dass die Ernährung schwieriger geworden ist, ist natürlich dem Zeitgeist geschuldet, der einen mit den unterschiedlichsten Vorgaben quält und dem es so gelingt, den Hungrigen in einer Zwickmühle von Schuldgefühlen zu halten: Kauft der Konsument Gesundes, ist es nicht Bio oder kommt von sonst woher. Ist es kein Rindfleisch, dann zumindest ein Fleischersatz aus Industrie-Erbsen. Oder es enthält zu viel Zucker. Zumindest ist es so teuer, dass einen der Kassier verächtlich anschaut: Was für ein Snob!

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Findet man einmal ein Produkt, bei dem alles passt - zum Beispiel die feinen Wachtelbohnen vom Bauernmarkt -, erklärt der freundliche Jungbauer im Folgejahr, er habe die Produktion der Bohnen leider einstellen müssen, weil ihm der Rüsselkäfer dauernd die Ernte weggefressen habe. Zum Beweis zeigt er eine Rüsselkäfer-Fotogalerie auf dem Smartphone. Die Marktbesucher staunen. Dahinter steht der Altbauer und lacht hämisch. Er habe es dem Jungen ja gleich gesagt, Bio sei Unfug.

Dies alles ist eine komplexe Situation. Und der Komplexitätsgrad erhöht sich noch einmal, sobald Kleinkinder ins Spiel kommen. Keine Ahnung, warum diese kleinen Menschen so wählerisch sind. Der Bub probiert nicht von den großmütterlichen Zwetschgenknödeln. Er verweigert Torte und Obers, ja sogar Wiener Schnitzel! Generell mag er nichts, das aus zu vielen Zutaten besteht. Gulasch, Curry, Schwammerlsauce? Keine Chance. Gerade noch möglich: Risi-Bisi, Palatschinken, Pasta mit Olivenöl und Parmesan. Auch Sushi findet er interessant. "Papa, warum ist dieser Fisch so rosa und der andere nicht?"

Wem das noch nicht kompliziert genug ist, der möge sich in einem elterngeführten Kindergarten engagieren. Die seitenlangen Anweisungen zu Allergien, Unverträglichkeiten und speziellen Vorlieben ergeben ein Regelwerk, neben dem die meisten religiösen Kodizes verblassen. Erfahrene Eltern wissen um die Explosivkraft, die dem Erstellen von Speiseplänen innewohnt, und machen um dieses Amt einen großen Bogen.

Bitte, bei mir sei das nie so gewesen, erinnert sich meine Mama. Ich habe stets alles gegessen - und das in rauen Mengen. Mein Problem damals war gegenteiliger Art: Ich konnte nicht genug bekommen. Eiskonfekt, Fleischlaberl, Eis oder Toast mit Knoblauchbutter - ich fraß stets bis zum Anschlag. Und nicht selten bis zum Erbrechen. In den Augen vor allem meiner Großeltern war das eine gute Eigenschaft. "Braver Bub, schau wie es ihm schmeckt."

Der Zeitgeist hat diese Wahrnehmung geändert. Mein Sohn wird wohl kein guter Esser werden. Dafür wird er sich so manchen verdorbenen Magen ersparen ...