Gerald Schmickl, geb. 1961, ist redaktioneller Leiter der "extra"-Beilage, Essayist und - jawoll - auch Roman-Autor . . .
Gerald Schmickl, geb. 1961, ist redaktioneller Leiter der "extra"-Beilage, Essayist und - jawoll - auch Roman-Autor . . .

Einer meiner Freunde (er heißt auch so ähnlich) schreibt, wie ich finde, hinreißende Theaterkomödien. Zuletzt ein wirklich witziges Corona-Stück (ein Tinder-Pärchen muss gemeinsam in Quarantäne). Allerdings druckt der Verlag, in dem seine sonstigen Bücher erscheinen, die Stücke nicht als solche. Der Freund muss sie zu Romanen umarbeiten, damit sie verlegt werden. (Auch das kann er, aber die Dialoge bleiben in der Bühnenfassung halt frischer & knackiger, als wenn sie erzählerisch ummäntelt werden.)

Warum? Weil Theaterstücke zwischen Buchdeckeln sich angeblich nicht verkaufen (lassen). Da gibt es freilich Gegenbeispiele. Und zwar gleich zwei aus unmittelbarer Gegenwart. So hatten soeben die beiden neuen Stücke von Daniel Glattauer (in Wien) und Ferdinand von Schirach (in Berlin und Düsseldorf) Premiere - und sind gleichzeitig auch als Spitzentitel in ihren angestammten Verlagen herausgekommen: Glattauers "Die Liebe Geld" bei Zsolnay, Schirachs "Gott" bei Luchterhand.

Zweimal Theater zwischen Buchdeckeln - keineswegs die Regel am Buchmarkt . . .
Zweimal Theater zwischen Buchdeckeln - keineswegs die Regel am Buchmarkt . . .

Nun gelten diese beiden Autoren zu Recht als Garanten für Erfolge - ganz gleich, in welchem Genre. Steht ihr Name auf einem Buchdeckel, verkauft sich der Inhalt so oder so - egal, ob es sich dabei um Romane, Erzählungen oder Stücke handelt. Vermutlich könnten sie auch ihre Einkaufslisten veröffentlichen - und es würden daraus Bestseller (wobei jene von Glattauer sicher lustiger wären, während bei Schirach wohl nur Kaffee & Zigaretten draufstünden...).

Jenseits dieser beiden Ausnahme-Erscheinungen (und -könner, wie ich finde) ist und bleibt die Frage, ob die Roman-Be- und -Versessenheit des Buchmarkts heutzutage wirklich noch ihre Berechtigung hat. Ganz abgesehen von der seltsamen - und anscheinend nur wenigen auffallenden - Paradoxie, dass in Zeiten, in denen Fake News überallmedial ausgeforscht und als solche kenntlich gemacht werden, ausgerechnet Erfindungen als literarische Königsdisziplin gelten.

Auch wenn es natürlich nach wie vor ausgezeichnete Romane gibt, ist die unübersehbare Vielzahl an Erzählwerken, die uns jede Büchersaison beschert (so natürlich auch diese herbstliche, die Corona-bedingt ohne dazugehörige Messen auskommen muss), weder verkaufstechnisch noch ästhetisch zu rechtfertigen.

Jeder Leser hat längst bemerkt, dass es im Sachbuchbereich, genauso wie in der Essayistik - und ja, bisweilen auch in der Theaterliteratur (so man sie gedruckt findet) - mindestens genauso viele interessante und ansprechende Bücher gibt wie bei Romanen (eher mehr, meine ich). Auch die ästhetisch-didaktische Überhöhung des Narrativen wirkt abgestanden: "Der Roman ist (...) das Heilmittel (vielleicht nur das Gegengift), um gegen Fundamentalismus und Gleichgültigkeit zu punkten", wurde kürzlich ein Verleger in der "Presse" zitiert. Wenn mir einer derart kommt, zitiere ich - als Gegengift zu derlei Moralismus - lieber den (eingelösten) Spruch meiner Freunde und Kollegen Stefanie Holzer und Walter Klier: "Wir sind aus der Literatur-Kirche ausgetreten."