Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Das Leben stellt einem unablässig lästige Fragen, die nur sehr schlecht zu beantworten sind. Einige davon habe ich im Laufe der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, hier kurz aufgeworfen und selbstverständlich auch nicht beantwortet, etwa ob ein Auto, das an einer unbeschilderten Kreuzung von rechts kommt und mithin den Vorrang hat, diesen auch dann beanspruchen kann, wenn es rückwärts rauskommt. Nun kann man dies leicht praktisch lösen, indem man einfach wartet, egal ob der andere Vorrang hat oder nicht. Andere Fragen sind gravierender und lassen sich überhaupt nicht mehr beantworten oder werfen weitere, noch unlösbarere Probleme auf. Zum Beispiel Lottozahlen. Und nicht die, die man gespielt hat, sondern die, die man nicht oder - gravierender noch - nicht mehr gespielt hat.

Die Entscheidung liegt schon lange zurück, Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, dass man sich dabei erwischte, Lottospielen für kleinbürgerlich zu halten, so eine Art Aberglaube. Schon allein die Auswahl der Zahlen! Als wenn ein Alchemist allerlei unsagbare Ingredienzien zusammenmischte, um aus dieser Kombination dann Gold zu schlagen, wurden Geburtsdaten zusammengesucht, so als seien die Sterne dazu konstruiert, dass sich Daten der Vorhersehung bedeutungsvoll selbst erschüfen; oder das Gegenteil, weil man sicher war, dass, wenn man logisch blieb, genau das nicht der Fall sein konnte und daher nur der Zufall eine Zahlenfolge eröffnen könnte, die den anderen Zufall, den aus den Drehungen der Ziehungstrommel und ihren bezifferten Bällen, sozusagen analog vorwegnahm. Aber auch das ist natürlich unsinnig. Also war Schluss damit.

Es gibt nur ein Problem, und das ist der Alltag. Der lehrt uns: Alles, was man wegwirft, wird eines Tages wieder unverzichtbar. Ganz schlimm ist es, wenn man Stücke auf dem Trödelmarkt wiederfindet, und zwar zu exorbitanten Preisen. Von da ist es nicht weit bis zum Urquell einer kleinen Panik. Irgendwann sickert ein Verdacht ins Unterbewusstsein, bahnt sich von dort seinen Weg in die frühmorgendlichen Wirrträume und sorgt dann bald auch tags für Ungewissheit: Zehn, zwölf Jahre, in denen man nicht mehr gespielt hat! Mehr als 500 Mal! Man hat zwar dabei einen guten Schnitt gemacht, mehr als 500 Mal wurde der Einsatz gespart. Und doch: Wenn man einer toleranten Auffassung von Mathematik folgt, waren die Chancen ja gar so niedrig doch nicht, jedenfalls im Vergleich zu später, als man wegen dieses kleinen persönlichen Schamgefühls an einem Samstag den Schein mit den Dauerzahlen zerriss und nie wieder spielte.

Aber wenn man spielt, gibt es eine Chance. Wenn man nicht spielt, keine. Und wenn nun bei diesen mehr als 500 Mal irgendwann einmal eine der Zahlenreihen doch gezogen worden wäre? Wobei sich wieder zwei Fragen aufdrängen: Wie lange werden eigentlich die Ergebnisse von Lottoziehungen aufbewahrt? Und: Was wäre wenn ..?