Das große Fragezeichen lauert allerorten. Trotzdem muss der moderne Mensch 20.000 Entscheidungen täglich treffen. - © Jugoslav Vlahovic
Das große Fragezeichen lauert allerorten. Trotzdem muss der moderne Mensch 20.000 Entscheidungen täglich treffen. - © Jugoslav Vlahovic

Wer die Wahl hat, hat dem Volksmund zufolge bekanntlich die Qual. Wobei nicht zuletzt die Corona-Krise im Allgemeinen und die Phase des Lockdowns im Speziellen als sozusagen positive Nebenwirkung für notorisch Unschlüssige eine Erleichterung in Sachen Entscheidungsfindung bedeuten konnte.

Immerhin stellten sich zahlreiche etwa der Überflusskultur geschuldete Fragen wie jene der Restaurantwahl, der Buchung eines spontanen Wochenendtrips oder auch nur ein schlichtes "Welcher Film?" samt dazugehörigem "Welches Kino?" und womöglich auch noch "In welcher Fassung?" auf einmal nicht mehr - von Details wie "Außen oder Mitte?" oder "Popcorn oder Sportgummis?" einmal ganz abgesehen. Hier kam die eingeschränkte Auswahl daheim vor dem Patschenkino allen Entscheidungsunschlüssigen zugute.

Allerdings erinnerten dort lästige Streamingdienste allfällige Optionsermüdete an selige Zeiten, in denen man nur zwischen FS1 und FS2, also einem alten Film mit Bud Spencer oder einem noch älteren mit Peter Alexander, wählen konnte - sofern nicht die "Geierwally" und "Sissi" auf dem Programm standen und die Entscheidung für Plan C in Form von Spiel- oder Fußballplatz, also jedenfalls freiwillig (!) Frischluft, fiel. Ob Strategie oder nicht, unsere Großeltern haben die "Geierwally" und "Sissi" geliebt.

Was ich aber eigentlich sagen wollte: Das Problem, nicht zu wissen, was man will, kombiniert mit einer Neigung zur sogenannten Decidophobie kann den modernen Menschen schon einmal in die Krise stürzen. Schließlich muss dieser rund 20.000 Entscheidungen täglich fällen, um gerade so durch den Alltag zu kommen. Die unterschiedliche Gewichtung zwischen "Obst- oder Topfentorte?" (im Milieu der Konditoreibesucher) oder "Unschuldig oder lebenslänglich?" (unter Richterinnen und Richtern) hat man da noch gar nicht thematisiert. Und auch über die kulturgeschichtliche Bedeutung des Zweifels, der dem modernen Menschen beim Onlineshoppen natürlich exakt überhaupt nicht hilft, und die Rolle des ebenso tiefenphilosophischen wie zutiefst verunsichernden, sprich im Alltag entscheidungshemmenden Wörtchens "Warum?" in diesem Zusammenhang könnte man diskutieren.

Mein erster Kinobesuch seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie war letzte Woche übrigens sehr schön und entscheidungsunproblematisch. Es gab Popcorn, einen mangels Publikumszustroms leicht gefundenen sozial distanzierten Sitzplatz und draußen im Foyer eine zur Abgabe des Contact-Tracing-Formulars aufgestellte Urne, die im Vorfeld der Wahlen in Wien oder den USA an die Notwendigkeit der demokratischen Entschlussfassung und Stimmabgabe erinnerte. Keine Meinung habe ich schließlich noch lange genug, wenn ich als Ascherest einmal selbst ein Fall für die Urne bin.