Im Schuhkasten meiner Schwiegermutter stand über Jahrzehnte ein rührendes Paar Kinderschuhe aus Leder. Rigoros schmiss sie sonst alte, abgenutzte und manchmal auch fast ungebrauchte Schuhe weg, nur die kleinen in der Ecke haben alle Räumaktionen überstanden. Mit der Zeit hatten sich die sehr runden Schuhspitzen immer mehr aufgewölbt, sodass die Schühlein aussahen, als ob sie einem sehr kleinen Clown gehört hätten. Ich weiß nicht, ob ich je wusste, wer die Schuhe, vielleicht Größe 26, vor etwa 60 Jahren einmal getragen hatte.

Seit ich selber Kinderschuhe, Kleidchen, Häubchen oder Säuglingsfäustlinge aus dem Kleinkindalter meiner nun über den L17-Führerschein nachdenkenden Kinder aufbewahre, habe ich begriffen, dass diese Erinnerungsstücke eigentlich nicht für die Kinder, sondern für die Eltern gedacht sind. Diese Kleinigkeiten erinnern mich an eine Zeit, an die sich meine Kinder gar nicht erinnern können. Eine Zeit, als wir Eltern mit den Kindern eine Einheit bildeten.

Das Motto lautete damals: Wenn es den Kindern gut geht, geht es uns gut. Das war die Zeit, in der wir nach Hause zurückfahren mussten, wenn wir E.s Lieblingstuch oder die Kuschelbären der Damen zu Hause vergessen hatten. Das war die Zeit, in der sich der Speiseplan nur danach richtete, was die Kinder aßen. Irgendwann, ich glaube E. war nicht ganz zehn, sagte mein Mann mild rebellierend, er sei nicht traurig, falls er in Hinkunft Wurstnudeln nur mehr wöchentlich vorgesetzt bekäme.

Mittlerweile beginnen sich auch meine Erinnerungsschühlein aufzuwölben: Ich bin jetzt die Zweitkleinste der Familie, und meine Kinder sagen mir: "Mama, das verstehst du nicht." Wurstnudeln gibt es allerdings hin und wieder immer noch! Am Wochenende, wenn E. aus dem Internat nach Hause kommt, mampft er seine Lieblingsspeisen und konstatiert kennerisch, dass diesmal weniger oder mehr Wurst als üblich drin sei.

Internat, das sagt sich so. De facto ist er ausgezogen. Nach Hause kommt er nur mehr in den Ferien. Dabei kann ich froh sein, dass das Ins-Leben-hinaus-Ziehen bei uns gestaffelt vor sich geht. Wenn ich Pech gehabt hätte, wären alle drei noch ein paar Jahre da und dann - rumms! - womöglich alle im selben Jahr weg.

Es ist nicht so, dass ich mich nicht allein beschäftigen könnte. Nur sind Vollbremsungen bei hundert Kilometern in der Stunde keine Kleinigkeit! Deshalb bin ich dankbar für ein bisschen Zeit zum Umgewöhnen. Dabei hilft es auch, gelegentlich den Kasten aufzumachen und die Clown-Schuhe meiner Kinder in die Hand zu nehmen oder ein Kleidchen auseinanderzufalten. So wird mir deutlich, dass es Zeit ist, sich auf einen neuen Lebensabschnitt vorzubereiten - und sich auch darauf zu freuen.