Der ehemalige Wiener Bürgermeister Karl Lueger sorgt über 100 Jahre nach seinem Tod für Aufregung. Es gibt "Schandwachen" vor seinem Denkmal in der Wiener Innenstadt, die einen möchten es entfernen, die anderen nur eine Tafel hinzufügen, die dritten haben gerade eine Wahl verloren. Warum der damals "schöne Karl" genannte Lueger heute noch so polarisiert, liegt nicht an der zweiten Wiener Hochquellwasserleitung, die in seiner Amtszeit errichtet wurde. Eher daran, dass er ein bisschen sehr ein Antisemit war. Dabei war der Luegersche Antisemitismus sowohl flexibel und kühl kalkulierend als auch demagogisch und inhuman. So wird ihm das Zitat "Wer ein Jud’ ist, bestimm’ ich" zugeschrieben. Und wie inhuman Antisemitismus werden kann, hat dann einer seiner Bewunderer, ein gewisser Adolf Hitler, gezeigt.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".

Aber sollte man deswegen das Denkmal schleifen? Wenn ja, muss dann nicht auch die Leopoldskirche im 2. Bezirk weg? Darf die Leopoldstadt noch so heißen? Schließlich wurde unter Leopold I. alle Juden aus Wien vertrieben, an der Stelle der Synagoge wurde eben die Leopoldskirche errichtet und "zum Dank" das "untere Werd" fortan "Leopoldstadt" genannt.

Gut, der Mann hat Hitler keine Ideen gegeben, aber vielleicht hat sich Lueger später an ihn erinnert. Kurz gesagt: Die historische Wahrheit wird nicht schöner, nur weil man sie aus dem Stadtbild tilgt.

Ich empfehle einen anderen Umgang. Einen praktischen. Und das ist nicht graue Theorie, sondern gelebte Empirie. Keine 30 Jahre ist es her, dass ihr Glossenhauer von einem Heurigenbesuch kommend am Stubentor sehr, sehr gut gelaunt mit ein paar Freunden einem Taxi entstieg. Und da der Wein bekanntlich nicht nur die Stimmung erhellt, sondern auch auf die Blase drückt, sah sich der junge Mann nach einer guten Urinier-Gelegenheit um. Da stand plötzlich diese Lueger-Statue. Flink erklomm er die Stufen, und der zu Wasser umgewandelte Wein konnte seinen Lauf nehmen. Dass der junge Mann damals etwas wie "Jetzt brunz’ ich mal den alten Antisemiten an!" gesagt haben könnte, ist historisch nicht gesichert.

Doch wie es sich oft bei spontanen, körperbetonten Polit-Happinings in Wien ergibt, war plötzlich ein Polizist zur Stelle. Die "Organstrafe" (sic!) wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses" (und nicht wegen Anbrunzung eines Antisemiten wohlgemerkt) gab es damals zum Diskontpreis von 100 Schilling (für die jungen Leser: heute etwa 7 Euro). Da trat plötzlich dem jungen Mann einer seiner Freunde zur Seite, reichte dem Organstrafmandataussteller den gewünschten Schein und sprach ins Gesicht des Abgestraften die Worte: "Bist eing’laden!"

Auf diesen frühen Erfahrungen des persönlichen politischen Aktionismus fußend, plädiere ich daher für eine Erhaltung des Denkmals. Nur sollte es in einen wasserdichten Glaskubus eingefasst werden, eine Treppe rundherum, die bis über das Haupt des schönen Karls reicht, und oben drauf ein blickdichter Container. Und dann kann jeder, der will, die Stufen erklimmen und aus Überzeugung - oder einem dringenden Bedürfnis heraus - dem Lueger auf den Schädel pinkeln. Dann wird gespült. Mit Wasser aus der zweiten Wiener Hochquellwasserleitung. Um der historischen Ausgewogenheit Genüge zu tun.