Man schrieb das Jahr 1994. Die EU-Beitrittsverhandlungen waren so gut wie abgeschlossen, die Volksabstimmung stand bevor. Nur ein Thema, das nach Meinung der österreichischen Verhandler die Bevölkerung beschäftigte, war nicht einmal in Ansätzen diskutiert worden: die Sprache. Würden wir nach dem Beitritt zum Topfen - horribile dictu - Quark sagen müssen? Wären die Marillen dann Aprikosen?

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Um die EU-Skeptiker zu beruhigen, wurde das Protokoll Nr. 10 zum EU-Beitritt ausgearbeitet - "mit 23 in der EU zu verwendenden österreichischen Begriffen". Letzte Woche gaben Zeitzeugen in einer Online-Diskussion, organisiert von der Wiener Vertretung der EU, Auskunft, wie das Protokoll entstanden ist. Dies galt bisher als großes Geheimnis.

Botschafter Helmut Tichy war einer der Verhandler in Brüssel. Er berichtete, was sich damals zutrug. "Wir bekamen umfangreiche Listen aus Wien. Ich habe mich mit einem befreundeten deutschen Diplomaten in einem Brüsseler Restaurant getroffen." Es waren mehr als hundert Wörter. Bonn habe große Bedenken gehabt. Und was würden die Spanier sagen? Würde dann auch Katalanisch anerkannt werden müssen?

In Wien sammelte zur gleichen Zeit Fabian Lutz im Landwirtschaftsministerium typisch österreichische Ausdrücke aus den Bereichen Landwirtschaft und Lebensmittel. "Uns war bald klar, dass wir uns einschränken mussten." Gefragt waren Ausdrücke, die sowohl im EU-Recht als auch in österreichischen Gesetzestexten vorkamen. Diese konnten geschützt werden, nicht das Sackerl im Verdrängungswettbewerb mit der Tüte. Seither finden sich in EU-Gesetzen in einigen Fällen beide Ausdrücke: Eierschwammerl/Pfifferlinge, Lungenbraten/Filet, Ribisel/Johannisbeeren etc. Wobei das Zusatzprotokoll Symbolwirkung hatte. "In Brüssel wurde das Bewusstsein geschärft, dass es eine österreichische Standardsprache gibt, die sich von der bundesdeutschen unterscheidet", sagte Rudolf de Cillia, ein Experte für das österreichische Deutsch und für Sprachenpolitik. Wir sagen "heuer", die Deutschen kennen das Wort nicht, sie sagen "dieses Jahr". Mitte der Neunzigerjahre herrschte in Deutschland noch die Meinung vor, dass Wörter wie Marille nicht Hochsprache, sondern "österreichischer Dialekt" sind. Das wissenschaftliche Konzept der gleichwertigen Sprachzentren innerhalb des deutschen Sprachraums war erst im Entstehen - Stichwort "Plurizentrik". Dass auch unsere Umgangssprache für die Übersetzer manchmal eine Herausforderung darstellt, ist ein anderes Thema. Berühmt ist Franz Fischlers Bemerkung auf einer Pressekonferenz: "Die Krot werden wir schlucken müssen." Wie soll das ins Englische oder ins Französische übertragen werden?

Jedenfalls konnten durch das Protokoll Nr. 10 jene Österreicher, die sich berechtigte Sorgen um die sprachliche Identität machten, beruhigt werden. "Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat" - hieß es damals auf Plakaten. Dieses Versprechen wurde erfüllt. Übrigens: Die interessante Diskussion kann im Internet abgerufen und nachgehört werden. Wer auf YouTube "Erdäpfel, Powidl, Paradeiser" eingibt, landet bei dem 55 Minuten langen Video.