Wenn wir am heutigen 26. Oktober unseren Nationalfeiertag begehen, gedenken wir jenes Tages, an dem erstmals keine ausländischen Besatzungsmächte mehr im Land waren und Österreich als neutraler Staat freies Mitglied der weltweiten Staatengemeinschaft wurde. Dieser zu Zeiten des Kalten Krieges besonders bedeutsame Status hat die österreichische Außenpolitik in den vergangenen zwei Generationen bestimmt und ist für viele noch heute wichtiger Teil des na-tionalen Selbstverständnisses.

Auch im alten Athen gab es eine Art Nationalfeiertag, an dem sich das politische Selbstverständnis des athenischen Demos, also der mit Bürgerrechten versehenen erwachsenen Männer, im Zuge öffentlicher Zeremonien zeigte: Alle vier Jahre veranstalteten die Athener die Panathenäen, ein überregionales Fest, bei dem zu Ehren der Stadtgottheit Athena international beachtete Sportwettbewerbe durchgeführt und religiöse Zeremonien vollzogen wurden. Damals gab es die Trennung von Religion und Staat noch nicht, sodass der Kult der Stadtgottheit auch eine politische Dimension hatte.

Für die Athener der zweiten Hälfte des 5. Jh. v. Chr. gründete ihr staatliches Bewusstsein auch auf der Gewissheit, Bürger einer militärischen Großmacht zu sein, die den gesamten Ägäisraum dominierte und Führungsmacht im Delisch-Attischen Seebund war. Dieses ursprünglich zur Verteidigung gegen die Perser gegründete Militärbündnis sicherte Athen eine führende politische Stellung und machte die Stadt zum größten Rivalen der anderen großen Militärmacht Griechenlands, Sparta.

Die Bundesgenossen Athens wurden im Laufe der Zeit von gleichwertigen Partnern im Bündnis immer mehr zu politisch abhängigen Staaten, die den Athenern im Gegenzug zum militärischen Schutz Zahlungen zu leisten hatten. Diese Tribute, die zum Teil direkt in den Schatz des Stadtheiligtums flossen, wurden immer zum Zeitpunkt der Panathenäen für die kommende Periode festgesetzt und damit sakral sanktioniert; ein Akt, den die Bündnispartner wohl als besonders demütigend empfunden haben müssen.

Ein Ausscheiden aus dem Abhängigkeitsverhältnis kam für Athen nicht in Frage: Als sich etwa die Bürger der Insel Melos während des Peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta für neutral erklärten, wurden die Melier von den Athenern zunächst mit Waffengewalt bedroht und schließlich militärisch besiegt, die Einwohner versklavt oder getötet.

Es ist für uns ein Glücksfall, in einem Staat zu leben, der gleichwertiges Mitglied einer politischen Union ist, deren Selbstverständnis nicht auf militärischer Hegemonie und Aggression beruht, sondern auf dem friedlichen Miteinander in einem vereinten Europa.