Die Welt wird bunter, keine Frage. Das hat weniger mit Diversität, Multikulturalität und Toleranz zu tun, sondern mit der Zunahme von Ampeln, die allerorten aufleuchten. Neben dem Verkehrsgeschehen, das seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts von Ampeln geregelt wird, sind es vor allem die Corona-Ampeln, die uns neue bunte Landschaften bieten, die im Wochenrhythmus ihre Farben ändern. Neben den offiziellen Ampelschaltungen, die auf Empfehlungen der Ampelkommission zurückgehen, gibt es auch eigene Ampeln für das Schulwesen, sodass eine geampelte Schulstandortkarte eine ganz andere Farbenpracht aufweisen kann als die Ampelkarte der Erwachsenen. Nicht genug damit, überzieht die EU den Kontinent mit wiederum anderen Kriterien gehorchenden Ampelfarben. Was unter ästhetischen Gesichtspunkten reizvoll sein kann, erweist sich gegen die Pandemie als problematisch.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor emeritus für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien.
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor emeritus für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien.

Aber warum funktionieren die Corona-Ampeln nicht? Die ursprüngliche Idee schien ja bestechend. Nach von Experten festgelegten Gesichtspunkten wird das Infektionsrisiko für definierte Gebiete dargestellt, um entsprechend reagieren zu können. Wie wir heute wissen: Das Einfärben ist einfach, das Handeln ist schwer. Die Identifikation einer Gefahr erlaubt noch keinen Konsens über die Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind. Da immer neue und immer andere Rücksichten zu nehmen sind, bedeutet eine Ampelfarbe noch lange nicht, dass in einer Region einheitlich vorgegangen wird. Die Ampel hat nicht das gehalten, was sich ihre Propagandisten versprochen hatten.

Womöglich war der Ansatz prinzipiell schon falsch. Ein Blick auf die Logik einer Ampelschaltung hätte genügt, um zu wissen, dass diese im Falle von Corona nicht helfen kann. Eine Ampel regelt den Straßenverkehr deshalb, weil sie keinen Hinweis auf ein mögliches Gefahrenpotenzial darstellt, sondern eine strikte Handlungsanweisung diktiert, die weder interpretiert noch situationsspezifisch angepasst werden kann. Bei Rot bleibt man stehen, auch wenn es mitten in der Nacht und weit und breit kein anderes Fahrzeug in Sicht ist.

Die Corona-Ampel war nie als solch ein Imperativ gedacht, sondern als Verdeutlichung eines möglichen Risikos, das man unterschiedlich bewerten kann. Man stelle sich vor, das Rot einer klassischen Ampel verwiese lediglich auf starken Verkehr, es bliebe aber jedem überlassen, ob er trotzdem - sich und andere gefährdend - in eine Kreuzung einfährt. Das Chaos wäre unausweichlich. Signalfarben, die keine eindeutige Handlungsanweisung enthalten, mögen manchmal das Bewusstsein für prekäre Situationen schärfen, Krisen werden dadurch keine bewältigt. Praktikabel ist einzig eine Ampel, deren Farben mit eindeutigen Maßnahmen verbunden sind, an denen es nichts zu rütteln gibt. Aus verschiedenen Gründen war und ist dies nicht durchsetzbar.

Warum ist dann die Ampel so verführerisch? Sie befriedigt das Bedürfnis des modernen Menschen, vor allem gewarnt zu werden, was ihn irritieren könnte, auf alles hingewiesen zu werden, was sich mit ein wenig Verstand auch erschließen ließe, nur mit Dingen konfrontiert zu werden, die vorweg als gut oder böse, harmlos oder gefährlich markiert sind. Das betrifft Lebensmittel, Bücher, Ansichten, Gesten, Gedanken, Formulierungen, Wanderwege, Rolltreppen und Skipisten. Das Schöne: Der Einzelne hat sich von seiner Verantwortung freigesprochen, die Schuld wird immer bei denjenigen liegen, die es nicht lassen können, die Welt zu verampeln. Vielleicht wäre es besser, die Ampel dort zu belassen, wo sie hingehört: auf die Straße.