Seit Wiens Bürgermeister Ludwig eine koalitionäre Zukunft mit der liberalen Partei, den Neos, ansteuert, kann er sich allerhand anhören. Zuvorderst von enttäuschten Grünen - aber auch von Parteigängern der eigenen Fraktion, die der Agenda von Christoph Wiederkehr, Beate Meinl-Reisinger & Co. misstrauen. Die Ablehnungsfront bemüht im Social-Media-Affekt die grellsten Schmähungen, Fantasien und Zerrbilder. Am besten gefiel mir die Vermutung, dass nun wohl bald wieder Beschleunigungsrennen in der Begegnungszone Mariahilfer Straße stattfinden würden. Mit tonnenschweren SUVs, gelenkt von Pop-up-Fahrradweg-Hassern. Nicht unlustig.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Dagegen steht die Realität. Selbst die konservativste Partei - und ich zähle die SPÖ ungeniert zu den konservativen Kräften - hat anno 2020 geschnallt, dass der Klimawandel nie wieder die Autolawinen der letzten Jahrzehnte zulassen wird. Und tatsächlich ein Paradigmenwechsel im vollen Gange ist. Jede Millionenstadt auf diesem Planeten muss sich verkehrstechnisch neu erfinden. Ob im Zukunftsszenario Wiens kleine Elektrowägelchen herumgurken, Highways für Fahrrad-Kolonnen gebaut oder die U-Bahnen bis Wiener Neustadt verkehren werden, ist noch nicht absehbar. Aber selten werden, sagt schon die empirische Erfahrung (und erst recht die Vernunft), Fußgängerzonen zu Fahrstreifen und Parkplätzen rückgebaut.

Man muss also partout nicht vom Saulus zum Paulus werden, um politisch ins Zukunftsbild zu passen. Ich wurde dieser Tage aber im Retourgang ein Saulus zum Quadrat. Hoppla, wie das? Indem ich ein unsittliches Angebot bekam. Der Chefredakteur von "Alles Auto" lud mich ein, eine Geschichte über eine Ausfahrt mit einem BMW X6 M Competition zu schreiben. Das Magazin - nomen est omen! - gilt nicht gerade als Zentralorgan der grünen Bewegung in Österreich. Und das Testauto war, unter uns gesagt, in Zeiten wie diesen pure Provokation. Acht Zylinder-Biturbo, 625 PS, Leergewicht fast zweieinhalb Tonnen, CO2-Ausstoß 288 Gramm pro Kilometer. Den Preis dieses SUVs - auch wenn BMW das Trumm Sports Activity Vehicle nennt, sprich: SAV - verschweige ich dezent. Alleine die Hi-Fi-Anlage kostet mehr, als meine abgerockten Privatvehikel zusammen wert sind.

Warum besteigt man freiwillig ein solches Fahrzeug? Es ist ja nicht so, dass ich der Fraktion der strenggläubigen Geilomobil-Fetischisten angehöre; selbst Bundeskanzler Kurz würde seine diesbezügliche Jugendsünde längst als politischen Irrtum und ökologischen Frevel klassifizieren. Reality Check also? PS-Pornografie? Neoliberaler Gefälligkeitsjournalismus? Ich sage es Ihnen: weil die Handvoll X6 M in der Verkaufsstatistik keine Rolle spielen. Sie verschwinden in den Tiefgaragen der Superreichen und im selten bewegten Fuhrpark der Industriemagnaten. An diesen Luxusmonstern geht die Welt eher nicht zugrunde. Positiv formuliert: Die enorme Gewinnspanne des Fahrzeugsegments ermöglicht BMW, Mercedes, Porsche & Co. die Entwicklung von handfesten Zukunftsalternativen. Aber vielleicht ist das auch nur eine milde Form des Selbstbetrugs. In der Grünen-Hochburg Wien-Neubau habe ich mich mit dem X6 M Competition jedenfalls nicht blicken lassen. Genauso wenig wie rund um den Karl-Marx-Hof.