Einer meiner Freunde auf Twitter hat die Frage gestellt: Was wird in Zeiten des Lockdowns aus den Gansln, die zu Martini verspeist worden wären? Der Gedanke,

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

dass bereits geschlachtete Tiere nicht gebraten und gegessen, sondern weggeworfen werden, bereitete ihm Sorgen. Mir auch. Genauso spannend ist die Frage, wie die Gastronomen mit der neuen Situation umgehen. Mein Stammlokal, das Lindbergh im

14. Wiener Gemeindebezirk, hat prompt reagiert. Als die Regierung am Samstag den Lockdown verkündete, schickten Kristina und Gerhard sofort Mails an ihre Stammkunden. "Kaum haben wir geglaubt, die Ganslzeit wird die lang ersehnten Umsätze bringen, kommt der ,Lockdown zwei‘ - aber wir lassen uns nicht unterkriegen." Am Sonntag, der normalerweise Ruhetag ist, sperrten sie auf. Viele kamen, um noch einmal ein Gansl mit Rotkraut und Knödel zu essen. Es wird sous-vide gegart, das heißt, in einem Kunststoffbeutel bei niedrigen Temperaturen, und kommt vor dem Servieren in einen Kombidämpfer. Daher ist das Fleisch unglaublich zart und die Haut unglaublich knusprig. Ein Gansl par excellence.

Ja, genau, wenn die "Gans" auf den Tisch kommt, wird sie zum "Gansl". Der Wiener liebt es, seine Speisen mit einer Verkleinerungsendung zu versehen. Das Knöderl, das Schnitzerl, das Safterl usw.

So auch bei jener Unterfamilie der Entenvögel, die als Anserinae bezeichnet werden. Die Bezeichnung Gans existierte schon im Althochdeutschen. Das Wort dürfte genauso wie Anser (Feldgans) lautmalend nach dem Fauchen der Tiere entstanden sein.

Der Brauch des Martinigansl-

Essens geht auf den heiligen Martinus von Tours zurück. Der 11. November 397 ist der Tag seiner Grablegung. Er wurde in Savaria, in der römischen Provinz Pannonia prima, geboren, heute Szombathely (Ungarn). Später, in Tours, lebte er nicht in der Stadt, sondern in einer Holzhütte vor der Stadtmauer. Am 4. Juli 372 wurde er zum Bischof geweiht. Er ist der erste Heilige der katholischen Kirche, der kein Märtyrer war, und wird auch in der evangelischen, orthodoxen und anglikanischen Kirche als Heiliger verehrt. Dass er Namensgeber für ein frugales Mahl wurde, passt nicht zu seinem Lebensstil.

Aber das kam so: In Zeiten des Lehenswesens war am Martinitag eine Abgabe fällig, die oft in Form einer Gans geleistet wurde. Weil der Tag traditionell mit einem Kirtag oder Tanzmusikabend gefeiert wurde, bot es sich an, die Gans zum Festessen zu machen. Alles andere, was da und dort zu lesen ist, muss als Legende eingestuft werden. Asketisch und bescheiden, wie Martin sein Leben führte, soll er sich angeblich unwürdig für das Amt des Bischofs gehalten und in einem Gänsestall versteckt haben. Die Gänse jedoch hätten so aufgeregt geschnattert, dass Martin gefunden wurde und geweiht werden konnte.

Heuer werde ich zu Martini kein Gansl im Lindbergh essen dürfen, aber ich habe vor, mir eines telefonisch zu bestellen. Abholung und Lieferservice sind ja weiterhin erlaubt. Es gibt also Martini-Gansln zum Mitnehmen - oder wie es neuerdings heißt: Gansl to go! Wir hoffen, dass sie weggehen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln.