Wir leben in seltsamen Zeiten. Ich muss das hier nicht näher erläutern, jeder weiß, was gemeint ist. Wobei die Lage allmählich unübersichtlich wird. Trug der Wiener Terror-Attentäter bei seiner Vendetta einen MN-Schutz? Diese Frage mag aufreizend nebensächlich und nachgerade provokant wirken, aber sie wird gestellt werden. Mit Sicherheit. Von Überwachungsexperten, die jetzt systematisch Bilder und Videos auswerten. Auch jene unzähliger Kameras auf Straßen, in U-Bahn-Stationen, über Verkehrsknotenpunkten. Saß niemand an den Monitoren? Wie schleppt man ungehindert eine Kalaschnikow und sonstiges Mordwerkzeug durch die Stadt? Und existiert Gesichtserkennung - oder ist es eine Schimäre, die ausschließlich, aber dafür hartnäckig in den Gehirnen von Zukunftspessimisten und Datenschützern nistet?

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Fragen über Fragen. Fakt ist: Der Täter war kein anonymer Verdachtsfall, sondern durch einen Gefängnisaufenthalt "amtsbekannt". Sprich: Sein Antlitz und seine persönlichen Daten müssen in den elektronischen Schubladen der zuständigen Behörden abgespeichert gewesen sein. Was ist damit geschehen? Wir werden es nie erfahren. Aus "polizeitaktischen Gründen". Das mag seine Berechtigung haben - aber, ehrlich gesagt, ich halte die im Fall des Falles immer wieder beschworene "engmaschige" Überwachung des engsten Kerns von Hochrisiko-Gefährdern mittlerweile für eine Farce. Oder zumindest eine Illusion, eine Schutzbehauptung, eine gewollte Täuschung der Bevölkerung. Sollte sich der Hinweis bewahrheiten, dass ein vorzeitig aus der Haft entlassener IS-Anhänger in einem Nachbarland Munition kaufen wollte und die Behörden darüber gezielt informiert wurden, ohne Folgerungen zu ziehen, hielte ich das für einen handfesten Skandal. Prävention? Wird schon nix passieren. Dann möge man bitte folgerichtig das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung schließen und sich (und uns) das Geld und die leeren Worte ersparen. Und in Hinkunft in Österreich Terroristen nur mehr ein herzhaftes "Schleich di, du Oarschloch!" entgegenschleudern.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich plädiere nicht für mehr Überwachung. Sondern für eine rücksichtslose Hinterfragung der bestehenden Systeme, technischen Möglichkeiten und politischen Verantwortlichkeiten. Für eine konstruktive Desillusionierung. Die Überdehnung der Möglichkeiten, Ressourcen und Kapazitäten des Staates wird ja in Covid-19-Zeiten eh in jeder Ecke und an jedem Ende deutlich sichtbar, der unausbleibliche Hilferuf nach mehr, mehr, mehr Was-immer-auch - von Einsatzkräften bis zu Spitalsbetten - ist so naiv wie unrealistisch. So verständlich er auch sein mag.

"Das Geschäft mit der Angst funktioniert simpel", schrieb ich einmal hierorts. "Passiert nichts, hat man "es verhindert" - und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Passiert etwas, hat man "es gewusst"- und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Für jene, die das Paranoia-Business betreiben, eine Gelddruckmaschine." Zitat Ende.

Daran hat sich nichts geändert. Aber dass dieser ganze Apparat letztlich gar nichts hilft, diese Erkenntnis ist neu.