Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Ich stehe also vor dem Schranken und suche die Ausfahrtskarte. Immer hektischer, weil sich hinter mir mehrere andere Fahrzeuge aufgereiht haben. Mein Mietwagen steht auf einer steilen Rampe, die Sicht ist schlecht. Jetzt betätigt einer die Lichthupe. Ich bemerke, wie ich zu schwitzen beginne. Jetzt ruhig bleiben, atmen.

Ich untersuche die Hosentaschen, eine nach der anderen. Kurz überlegen: Wo hatte ich die Karte zuletzt? Da legt plötzlich das Autoradio los, natürlich in voller Lautstärke. Wo ist der Ausschaltknopf? Was wurde eigentlich aus diesen großen Drehreglern fürs Radio? Ich schaue mir selbst beim Schimpfen zu: laut und ordinär. Drücke jede Taste in Reichweite. Endlich ist das Radio aus, dafür meldet sich eine Computer-Stimme über die Freisprecheinrichtung. "Sie haben das Kundenservice von Mercedes angewählt ..."

Es ist natürlich meine Schuld. Vor Inbetriebnahme des fremden Fahrzeugs hätte ich mich mit dessen Benutzeroberfläche vertraut machen sollen. Ein modernes Automobil will nicht bloß gefahren werden. Es will, dass man sich mit ihm beschäftigt. Es ist dies eine Notwendigkeit, die sich aus dem Wesen des Autos ergibt, das unter allen Fortbewegungsmitteln eine Sonderstellung einnimmt. Zwar gibt es gefährlichere Fortbewegungsarten (Wingsuit-Fliegen zum Beispiel) und langweiligere (die Liliput-Bahn). Aber keine andere ist so langweilig und dabei so gefährlich wie das Autofahren.

Um ihr Produkt dennoch zu verkaufen, verfolgt die Industrie eine Doppelstrategie: Zum einen sollen immer aufwendigere Unterhaltungssysteme von der Fadesse des Autofahrens ablenken. Weil Ablenkung das Autofahren tendenziell aber noch gefährlicher macht, überfrachtet die Industrie die Kraftfahrzeuge mit Sicherheitstechnologie: immer schwerer, immer dicker, immer mehr Sensoren.

Wenn ein moderner Wagen dem Mittelstreifen zu nahe kommt, leuchtet ein Warnlicht, es rüttelt oder - wie unlängst in einem Miet-Citroën - ein vollautomatischer Assistent greift ins Lenkrad. Natürlich haben die Sicherheits- und Unterhaltungssysteme ihre Meriten. In ihrer Opulenz erinnern sie mich allerdings an ein überwürztes Wurstblatt in 20 Schichten Verpackung.

In Wirklichkeit geht es primär ums Verkaufen, nicht um die Sicherheit. Sonst genügte es, wenn eine Tempo-Übertretung nicht nur im Cockpit angezeigt würde, sondern das Tempo einfach automatisch auf das zulässige Maß reduziert wird. Und was das Entertainment-System angeht: Jedes Smartphone bietet die selben Funktionen und ist einfacher zu bedienen.

Die Parkkarte habe ich übrigens in meiner rechten hinteren Jeans-Tasche gefunden. Die Service-Hotline des Autoherstellers benötigte ich dafür nicht.