Meine Kindheit begann in dem Moment mondän zu werden, als gleich gegenüber vom Gasthaus, das meine Eltern betrieben haben, ein Kino eröffnet wurde. Der Filmvorführer war ein Kettenraucher mittleren Alters, den ich aus zwei Gründen interessant fand. Erstens kannte der Mann sich in meinen Augen recht gut mit der einigermaßen komplizierten Vorführmaschine aus. Und zweitens pflegte er während der Vorführungen gerne ins Gasthaus meiner Eltern zu gehen. Die Filmkunst war ihm vollkommen egal. Die Braukunst weniger. Das ging gar nicht gut aus. Aber eine kleine Weile schon.
Oft, wenn der Filmvorführer im Gasthaus meiner Eltern ins Glas schaute, saß ich in seiner Vorführerkabine und schaute auf den Film. So hatte er jemanden, der ihn verlässlich holte, sobald eine neue Filmrolle eingelegt werden musste, und ich hatte jemanden, der mir verlässlich erlaubte, was die anderen Erwachsenen verboten haben. Für mich gab es keine Altersgrenze im Kino. Ich war der erste Cineast in Spittal an der Drau. Ich hatte Fachwissen. Schon als Kind wusste ich zum Beispiel, dass Winnetou gar nicht wirklich lebt. Ich hielt Vorträge zum Thema. So machst du dich auch nicht unbedingt beliebt gleich nach der Volksschule. Meine Liebe zum Kino beruht auf einem Missverständnis. Am Anfang dachte ich, das ist alles echt, was die dort zeigen. Da gab es einen Film, der hieß "Die Nacht der reitenden Leichen". Der Inhalt war ungefähr so wie der Titel. Ich fand den Film ziemlich gut als Kind. Vor allem, weil ich dachte, irgendwo auf der Welt reiten da wirklich die Leichen durch die Nacht. Logisch schlägt das auf die Nachtruhe. Dann begann ich die Filmplakate zu lesen. Und war völlig verwirrt.
Dass das doch keine echten reitenden Leichen sind, wurde mir klar, weil auf dem Plakat die Namen der Schauspieler zu lesen waren. Wie blöd kann man sein, dachte ich. Schreiben doch glatt die Namen aufs Filmplakat. Da kapiert doch jeder, dass das nicht echt ist, dachte ich. Nicht einmal Winnetou heißt Winnetou. Nichts war mehr wahr und wirklich auf der Welt. Dieses Gefühl hatte ich, kaum dass ich sinn-erfassend lesen und schreiben konnte. Später habe ich das Gefühl verloren. Seit geraumer Zeit ist es wieder da. Gerade laufen die ganz Gescheiten zur Corona-Demo. Nichts ist mehr wahr und wirklich auf der Welt. Aber diesmal ist nicht das Kino schuld.