Außerordentliche Situationen bringen auch immer Außerordentliches in den Menschen hervor. Binsenweisheit, klar. Nur dieses Jahr ist diese Binsenweisheit aus der grauen Theorie ins helle Licht der Praxis getreten. Wer was für wen in diesen pandemischen Zeiten voller Lockdowns, Lockerungen und noch unlockeren Lockdowns getan hat oder getan haben wird, können wir einander bei der Silvesterfeier erzählen. Wenn wir Pech haben, per Videotelefonie. Sogar Ihr Glossenhauer hat heuer Brot backen und Videos schneiden gelernt. Und wir haben erst November. Da geht noch was. Aber das Außerordentliche passiert nicht nur aufgrund von Pandemien.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Am vergangenen Montagabend, dem 2. November, als ganz Wien noch ein letztes Mal vor der kollektiven Quarantäne in Bars, Restaurants, Theater, Ausstellungen, Kinos und Konzerte geflüchtet ist, hat bekanntlich ein Mensch, dessen Charakter mit "Oaschloch" zwar zutreffend, aber doch unzureichend beschrieben ist, seinen religiös-motivierten faschistischen Allmachtsfantasien freien Amoklauf gelassen. Und während vier unschuldige Menschen sterben mussten, wusste das Publikum in den Kultureinrichtungen der Stadt noch gar nicht, was los war.

Im Akademietheater fiel um etwa halb zehn der Vorhang. Einer Besucherin zufolge klatschte das Publikum so lange, als würde es nicht aufhören wollen. Als könnte man mit dem Applaus den kommenden Lockdown aufhalten. Eine scheinbar heile Welt ohne Virus, so weit es nur ging, verlängern. Dann aber betrat eine Dame des Akademietheaters die Bühne und schilderte dem ahnungslosen Publikum (als vorbildliche Theaterbesucher hatten ja alle das Handy abgedreht), was in der Zwischenzeit rund um die Seitenstettengasse passiert war. Man möge doch bitte sitzen bleiben. Es gab Publikumsgespräche mit den Schauspielern, und als die drohten, im Sande zu verlaufen, stimmte die Sitznachbarin den Kanon (nicht das Kopiergerät) "Froh zu sein bedarf es wenig" an. Und das ganze Akademietheater sang mit. So brachte man sich über die Zeit, bis man endlich entlang eines Korridors bewaffneter Polizisten zur nächsten U-Bahn-Station trotten durfte.

Und so oder so ähnlich ging es auch in anderen Konzert-, Opern-, Tanz- und Kleinkunststätten, sowie Galerien und Gasthäusern der Stadt zu, während man fürchtete, dass draußen vielleicht noch ein wahnsinniges "Oaschloch" herumballern könnte.

Falls also jemand noch einen Beweis gebraucht hat, dass Kunst und Kultur "systemrelevant" sind: Hier ist er.

Historischer Einschub: Von Winston Churchill soll mitten im Abwehrkampf gegen die faschistische Bedrohung des Dritten Reichs einmal gefordert worden sein, das Kunst- und Kulturbudget zu kürzen. Schließlich müsse man ja mehr Geld in die Rüstung, in die Versorgung der Zivilbevölkerung, in Geheimdienste, Luftabwehrkanonen, Gesundheitssystem und andere überlebensnotwendige Maßnahmen stecken. Churchill soll die Kürzung abgelehnt haben mit der Begründung: "Und wofür kämpfen wir dann?"

Kunst und Kultur sind keine Lebensmittel. Richtig. Es sind Überlebensmittel. Also helft uns, dann können wir euch helfen, die Angst zu überleben. Sonst hört man nur noch das Geballer.