Unser Denken und unsere Sprache sind in hohem Maße antonymisch konstruiert, also in Gegensätzen. Wir erleben das gerade in der täglichen Berichterstattung. Der Gesundheitsminister richtet an uns den Appell, die Vorschriften des Lockdowns einzuhalten, denn: Die Infektionszahlen gehen "hinauf", sie müssen "herunter". Die Arbeit der Regierung wird von einer "Mehrheit" ausdrücklich "gelobt", von einer "Minderheit" hingegen scharf "getadelt", Firmen, die zuletzt "schwarze Zahlen" schrieben, vermelden "rote Zahlen". Im weitesten Sinn sind auch Wortpaare wie Mikrofon und Lautsprecher Antonyme.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Wir Journalisten lieben Gegensätze, weil sie stilistisch interessante Formulierungen ermöglichen: Covid-19 und die großen Sorgen der kleinen Leute. Auch Paradoxien können auf Antonymien fußen: Zurück in die Zukunft!

Ich entnehme derartige Beispiele dem "Gegenwort-Wörterbuch" von Wolfgang Müller und Jakob Ebner. Das "Kontrastwörterbuch mit Gebrauchshinweisen" ist soeben im Wissenschaftsverlag Walter de Gruyter in zweiter Auflage erschienen. Es umfasst auf knapp 900 Seiten rund 16.000 Wortpaare. Ich habe gleich nachgeschlagen, wie die Autoren mit dem vielschichtigen Gegensatzpaar positiv/negativ umgehen. Die Bedeutungen werden der Reihe nach aufgelistet: (a) eine positive/negative Einstellung, die vom Sprecher aus gesehen wünschenswert ist (b) positiv/negativ geladene Teilchen (c) eine positive/negative Zahl (größer oder kleiner als Null) (d) ein positiver/negativer (günstiger/ungünstiger) Bescheid (e) der Labortest war positiv/negativ (der Verdacht auf die Krankheit hat sich bestätigt/nicht bestätigt). Das ist eine präzise Aufstellung.

Mein zweiter Blick galt dem Gegensatzpaar hungrig/satt sowie der Eintragung zu durstig, denn bei durstig fehlt ein Ausdruck für das Gegenteil. Dies wurde hin und wieder als Problem empfunden, die Lücke im System müsse gefüllt werden. Das Satiremagazin "Pardon" propagierte das Kunstwort "schmöll". Bei Müller/Ebner liest man dazu den Beispielsatz: "er ist (schon) schmöll" und dann: "nicht existierendes, aber zur Schließung der semantischen Lücke vorgeschlagenes Wort für: keinen Durst mehr habend." Jahre später nach "Pardon" rief der "Duden"-Verlag dazu auf, Vorschläge einzusenden. Es gewann das Kunstwort sitt - ablautend zu satt gebildet. Auch dieses Wort konnte sich nicht durchsetzen, es ist weder im "Rechtschreib-Duden", noch im "Gegenwort-Wörterbuch" vermerkt.

Warum mussten diese Versuche scheitern? Ich glaube, das Wort sitt geht uns nicht ab. "Möchtest du noch ein Glas Wasser?" - "Danke, ich bin schon sitt!" So einen Dialog wird es nie geben. Die übliche Antwort lautet: "Danke, ich bin nicht mehr durstig." Genauso absurd wäre die Frage: "Bist du schon sitt oder möchtest du noch ein Glas Wein?" Wir sagen zwar, "er hat über den Durst getrunken", aber die Grenze zwischen "durstig" und "nicht mehr durstig" ist sowohl bei Wein als auch bei Wasser nicht so klar zu ziehen wie zwischen hungrig und satt. Wahrscheinlich sollten wir uns glücklich schätzen, dass bei uns ausgezeichnetes Trinkwasser in beliebiger Menge aus der Leitung kommt.