Der Monarch als Regiezampano? Schlechte Stimmung aufgrund von Theateraufführungen konnte Joseph II. (hier auf einem Gemälde von Anton von Maron) jedenfalls gar nicht leiden. - © Kunsthistorisches Museum Wien, Bilddatenbank
Der Monarch als Regiezampano? Schlechte Stimmung aufgrund von Theateraufführungen konnte Joseph II. (hier auf einem Gemälde von Anton von Maron) jedenfalls gar nicht leiden. - © Kunsthistorisches Museum Wien, Bilddatenbank

Augen auf für ein Kuriosum der Kulturgeschichtsschreibung im Allgemeinen und der Theaterhistorie im Speziellen: Weil Joseph II. nicht wollte, dass das Burgtheater traurige Stoffe behandelt und das Publikum damit in schlechte Stimmung versetzt, mussten im 18. Jahrhundert diverse Stücke umgeschrieben und mit dem sogenannten "Wiener Schluss" versehen werden. Vielleicht war bereits damals die Sorge zu groß, dass ein deprimiertes Volk seinen Verpflichtungen nicht mehr vollumfänglich nachkommen und damit auch dem Habsburgerreich als solchem Schaden zufügen könnte.

Abgesehen von der offensichtlichen Problematik dieses Eingriffs lange vor Erfindung eines Schreckgespensts namens "Regietheater!" überrascht daran vor allem, dass schlechte Stimmung ausgerechnet in Wien, der Welthauptstadt der Mieselsucht und des Motschkerns, einmal gar nicht so angesagt gewesen soll. Heast, Deppata, hau di üba di Heisa! Das gilt gerade auch in kultureller Hinsicht, wo doch hierorts das weltberühmte "Feel Bad Cinema" in seiner allseits beliebten suizidalen Ramponiertheit entsteht. Wie viele Krankenstandstage so ein in der falschen Grundverfassung konsumierter Haneke anrichten kann und was erst passiert, wenn man dann auch noch zu den heimischen Depressionspopklassikern greift ("Heit drah i mi ham", "Komm großer schwarzer Vogel" ...), ist volkswirtschaftlich gar nicht mehr auszurechnen.

Wienerisch betrachtet sind Happy Ends im Regelfall also die Pest. Und vermutlich kommt einem beim Anblick schöner junger Menschen, die im glühenden Abendrot einer strahlenden Zukunft entgegenlaufen, auch aus guten Gründen die Galle hoch. Allerdings ist eine gewisse gesamtgesellschaftliche Sehnsucht nach dem dramaturgischen Zugang des Regiezampanos in Joseph II. derzeit nicht zu verleugnen. Die anhaltende Coronakrise in Kombination mit Nachrichten von Terror und Leid hat uns mürbe gemacht und sorgt dafür, dass wir privat eher zu harmlosen alten Screwballkomödien greifen als zu Filmen über die Zombie-Apokalypse. Außerdem führte das Verhalten des (noch) aktuellen Amtsinhabers rund um die US-Präsidentschaftswahl dazu, dass man jetzt auch von der Figur des Superschurken endgültig genug hat.

Während ich gerade an Lex Luthor denke, muss ich Sie an dieser Stelle übrigens leider enttäuschen: Nach meinem Day Job als Clark Kent in der Redaktionsstube, die derzeit mein Arbeitszimmer daheim in der Wohnung ist, nehme ich weder die Brille ab, noch zwänge ich mein ohnehin nicht vorhandenes Sixpack in ein rot-blaues Slimfit-Kostüm, um mit geballter Faust voran die Rettung der Welt in Angriff zu nehmen. Für den Wiener Schluss der Woche - und dieser Glosse - darf stattdessen die Wissenschaft mit der Nachricht sorgen, dass ein baldiger wirksamer Coronavirus-Impfstoff nun greifbar scheint. Ein historisches Happy End gibt es aber auch: Leibeigenschaft und Todesstrafe sind hierzulande seit Joseph II. Geschichte.