Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien.
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien.

Jetzt ist also auch Alain Delon 85 Jahre alt geworden. So wie kurz vor ihm sein Kollege Donald Sutherland, und auch bei Woody Allen ist es in wenigen Tagen so weit. Fesch ist er heute noch, der Delon. In einer kürzlich ausgestrahlten Biografie-Doku kam man kaum mit dem Zählen seiner Partnerinnen nach - und das war nur eine schmale Auswahl der Frauen, die seinem Charme erlegen sind. Wer ihn je in "Der Leopard" (1963) in der Rolle des Draufgängers Tancredi gesehen hat, den Delon mit Ende zwanzig spielte, kann seine Strahlkraft auf die Damenwelt ungefähr ermessen.

Vor ein paar Tagen ging ich auf Wiens größter Einkaufsstraße spazieren. Viele Menschen, aber auch viel Abstand, eine angenehme Temperatur, gute Stimmung hier wie da. Ich besah mir ein neu eröffnetes Geschäft, in dem schnelle Wagen ausgestellt waren sowie Strampelanzüge und Schnuller, beides mit dem Logo einer bekannten Automarke versehen. Was es nicht alles gibt! In einer Bäckerei kaufte ich kurz vor dem Zusperren eine Melange zum Mitnehmen samt Kipferl und fand ein paar Gassen weiter einen netten Platz, wo ich mich niederließ. Die milde Novembersonne schien, ich trank meinen Kaffee aus dem Pappbecher, aß mein Kipferl - und für einen Augenblick schien alles so zu sein wie in früheren Jahren: im Freien sitzen und das Treiben ringsum beobachten.

Nach kurzer Zeit tauchte ein Mann auf, Ledertasche umgehängt, Schal um den Hals, bereits im vorgerückten Alter. Er hielt in gemessener Entfernung an und fragte mich, wo man hier einen Kaffee bekommen könne. Ich bedauerte, dass meine Bäckerei wohl schon geschlossen sei, und so kamen wir ins Plaudern. Bald unterhielten wir uns über die Lokale der Umgebung - und jene, die früher dort existiert hatten.

Mein Gesprächspartner erwähnte ein Restaurant, das schon seit Längerem geschlossen ist, und bemerkte, der Eigentümer des Hauses würde die Räumlichkeiten nicht unter einer gewissen, beträchtlich hohen Summe vermieten - und habe bereits mehrere Angebote ausgeschlagen. Eine durchaus verbreitete Denkweise unter Hausbesitzern: Irgendwann wird’s schon klappen. "Das erinnert mich an meine Schulzeit", sagte der Herr verschmitzt lächelnd. Er habe seinerzeit auch geglaubt, er brauche nur ein wenig zu warten, und dieses oder jenes Mädchen würde sich für ihn entscheiden - und dann fanden sie zu seiner Verwunderung doch einen anderen. Und er bekannte: "Ich hielt mich für Alain Delon."

Im Unterschied zum Immobilienmarkt, der ja doch gewissen Regeln folgt, kamen wir zum Schluss, dass man nie genau sagen könne, warum Frauen und Männer sich ineinander verlieben. Wie der oftmalige Filmpartner von Delon, Jean Gabin, in seinem Chanson "Je sais" über die Liebe und das Leben singt: "Ich weiß, dass man es niemals weiß. Aber das weiß ich."

Gut möglich, dass Delon, der in einem Interview vor einigen Jahren sehr nachdenklich wirkte, zu einem ähnlichen Schluss gekommen ist