Und wieder hat sich Ex-Nationalratspräsident Andreas Khol (ÖVP) wegen einer verbalen Entgleisung entschuldigen müssen. Auf oe24.tv wurde er zu den Vorwürfen von Pamela Rendi-Wagner befragt, die türkis-grüne Bundesregierung habe im Umgang mit dem Coronavirus versagt. "Also als Erstes, die Pamela Rendi-Wagner hat danach gerufen, ihr eine aufzulegen." Nachsatz: "Kritisieren kann ein jeder, liebe Frau Rendi-Wagner."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Die Redewendung "jemandem eine auflegen" bedeutet zweifellos: jemandem eine Ohrfeige geben, jemandem einen Schlag versetzen. Khol hat sie gedanklich mit "um eine Ohrfeige betteln" vermischt. Die SPÖ-Chefin habe "danach gerufen", dass man ihr eine auflegt. Vielleicht schwangen auch Metaphern wie "ein schlagendes Argument" mit, das wäre entlastend für Khol.

Ich freue mich jedenfalls über derartige Formulierungen eines Prominenten, weil ich gerade mein "Wörterbuch des Wienerischen" überarbeite und Belegstellen über die Verwendung solcher Ausdrücken suche.

Khols erste Verteidigungslinie, die Formulierung sei nicht im Sinne einer Ohrfeige gemeint gewesen, hielt nicht lange. In einer Stellungnahme gegenüber dem "Standard" hatte er die Aussage noch gerechtfertigt: "Ich habe damit gemeint, dass man Frau Rendi-Wagner für ihre unsachlichen Aussagen über die Bundesregierung kritisieren muss." Stunden später räumte Khol ein, dass seine Formulierung verfehlt gewesen sei: "Ich habe mich in der Wortwahl vergriffen. Ich wollte kritisieren und nicht beleidigen. Ich werde mich umgehend bei Pamela Rendi-Wagner entschuldigen."

Kurz darauf veröffentlichte er eine "Offizielle Entschuldigung". Der Inhalt: "Ich möchte mich hiermit aufrichtig bei BM a.D. Dr.in Pamela Rendi-Wagner, MSc, für die in meinem Interview mit oe24.tv geäußerte Passage ,Pamela Rendi-Wagner hat danach gerufen, dass man ihr eine auflegt‘, entschuldigen. Ich habe diese Äußerung weder sexistisch noch als Verharmlosung von Gewalt gemeint, habe mich aber offenbar im Ton vergriffen. Ich bedauere zutiefst, sollte ich die Gefühle von Frau Rendi-Wagner verletzt oder sie in ihrer Person herabgewürdigt haben, und ziehe diese Äußerung hiermit zurück."

Immerhin formuliert Khol seine Entschuldigung im Indikativ - "ich möchte mich aufrichtig entschuldigen" -, sein Bedauern allerdings nur im Konjunktiv - "sollte ich ihre Gefühle verletzt haben". Er bezweifelt also, dass sein Satz an sich verletzend und herabwürdigend war. Außerdem verweigert er der Politikerin ihren derzeitigen Funktionstitel. Sie ist nicht nur Bundesministerin außer Dienst, sondern Bundesparteivorsitzende der SPÖ. Als solche hat er sie beleidigt.

Aber was kann man schon von einem Mann erwarten, der nach dem Ende der großen Koalition gemeint hat, er sei froh, dass er bald nicht mehr "die roten Gfrieser" im ORF sehen werde. Auch damals hat sich Khol für seine Prolo-Formulierung entschuldigt.

Der Ausdruck "Gfries" kommt übrigens von "fressen" und wird verächtlich für "Gesicht" und "elender Kerl" verwendet. Der Hintergrund von "jemandem eine auflegen" ist mir unbekannt. Wieso "auflegen"? Handwerkersprache? Hat jemand eine Idee?