Wenn Ihnen jetzt ganz fad ist im Lockdown, hätte ich einen Vorschlag: Besuchen Sie das Wien Museum! Nicht das Gebäude am Karlsplatz (das wird ja seit geraumer Zeit umgebaut und ist sowieso geschlossen), sondern die virtuelle Dependance im Internet. Man hat dort etwas sehr Kluges gemacht - und fast 48.000 (!) Objekte der eigenen Sammlungen in die Online-Vitrine gestellt. Die kennt definitiv kein Platzproblem. Egal, ob es sich um ein Passfoto von Hans Hölzel alias Falco (Inventarnummer 303512) handelt oder die Knaufplatte einer Nahkampfwaffe aus der Römerzeit (Inventarnummer MV 43246/4), Ahs! und Ohs! sind garantiert. Via Zoom-Funktion kommt man den Objekten der Begierde zudem nahe wie nie zuvor. Und kann sich auch das eine oder andere Stück auf den eigenen Rechner runterladen. Natürlich nur zweidimensional.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Dass aktuell behördliche, geschäftliche und private Dokumente der Pandemie-Umtriebe gesucht und gesammelt werden, ist konsequent. Was wird man einst über das dunkle Jahr 2020 erzählen? Welche Objekte sprechen für sich? Und was berichten sie über unseren Gemütszustand? Meine Sicht der Dinge ist eigen: Schätzen wir uns doch - zumindest partiell - glücklich über eine Zwangspause, in der man lustvoll im Archiv, Abstellraum und Antiquitätenlager wühlen darf.

Eine ähnliche Fundgrube meinem Geschmack nach - ich bin vorrangig an der Populärkultur des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart interessiert - bieten die Sammlungen der Wienbibliothek im Rathaus. Etwa die Plakatsammlung. Hier lagern ein paar hundertausend papierene Sujets, die enorm viel über die Zeitumstände, die Kultur, Moden und Produkte und erst recht über die politischen Torheiten ihrer Epochen berichten. Rund 180.000 Plakate können online durchforstet und betrachtet werden. Auch das ein wirklich kurzweiliges und lehrreiches Vergnügen. Wenn ich mir etwas wünschen darf, wären es Anmerkungen von kundiger Seite, die man auf Knopfdruck abrufen kann. Sei es ein ausführlicher Text, ein Audio-File oder sogar eine kurze Videosequenz, in der etwa Julia König, die charmante Leiterin der Plakatsammlung, Hintergründe und Zusammenhänge erläutert. Das würde jeden noch so wertvollen Fundus mit einer deutlich erhöhten Portion Leben, Informationskraft und Publikumsattraktivität aufwerten.

Ja, das ist mit Arbeit verbunden. Viel Arbeit. Aber das ist eigentlich eine gute Botschaft: es gibt zu tun. Und Depots, Archive und Sammlungen ziehen ja aktuell eine knallharte Botschaft aus den Lockdown-Wellen: wer sich nicht digital öffnet, kann bald selbst die Tore schließen. Weil in Zeiten grassierender Budgetkürzungen jedes Haus und jede einzelne Abteilung ihre Existenzberechtigung vorweisen muss. Und welche wäre das im Museums-
bereich, sofern es nicht um strikt wissenschaftliche Forschung geht? Publikumsinteresse. Die harte Währung auch und erst recht im Bereich der Kultur-
politik.

Auf Digitalisierung und Online-Zugang zu setzen ist also definitiv kein Fehler. Es wäre ja gelacht, wenn in Österreich nicht die Museumstempel zügiger und freudiger modernisiert werden als die Bildungseinrichtungen.