Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.

Dieses Buch steht ja in allen Regalen, das werde ich mir später einmal nicht kaufen!", bemerkte das sechsjährige Nachbarkind und zeigte auf mein Bücherregal, wo es unter hunderten von Büchern dieses eine trotz des eher unspektakulären Buchrückens ausfindig gemacht hatte: "Mit Ernährung heilen", Autor: Prof. Dr. Andreas Michalsen.

Ich weiß nicht mehr, wie dieses Buch in meinen Haushalt gelangt ist, jedenfalls bestimmt mit der Absicht, es aufmerksam zu lesen und die Empfehlungen zu beherzigen. Aber dann fehlten Zeit und Motivation, sich damit zu befassen, und der Ratgeber wurde ins Regal gestellt. Für später, wenn man ihn einmal brauchen sollte.

Wie das Kind erkunde auch ich gern die Bücherregale in fremden Haushalten. Neuerdings vermehrt digital, denn in Homeoffice-Zeiten ist die Buchrückenphalanx die beliebteste Hintergrunddekoration. Entweder, um Belesenheit zu demonstrieren, oder weil der Schreibtisch vor dem Regal platziert ist. Auch im Fernsehen pflegt man Wissenschafter und sonstige Intellektuelle vor ihren wandhohen Regalen, vollgestopft mit Büchern, zu interviewen. Das macht Eindruck, führt aber mitunter dazu, dass man als Zuschauer vom Gespräch abgelenkt wird. Man weiß dann etwa nicht mehr genau, was der Historiker gesagt hat, aber man weiß, dass er Bücher von Hugo Portisch im Regal stehen hat.

Bei Soziologen glaube ich immer Werke von Max Weber zu erkennen, bei einem Politologen, der über die US-Wahl berichtete, stach mir "Die Ordnung der Welt" ins Auge. Natürlich sind es die Bücher mit breitem Rücken und großer Schrift, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Meistens ist es Lektüre, die man sich erwartet. Eine nette Überraschung ist es, wenn man in einem hochgebildeten Haushalt zum Beispiel sämtliche Karl-May-Bände zu erkennen glaubt.

Die medial übermittelten Bilder regen dazu an, wieder einmal die eigenen Regale zu durchstöbern und den Buchrücken eine sanfte Massage zu verpassen, wie das Carlos Ruiz Zafón in seinem Roman "Der Schatten des Windes" beschreibt: "Fast eine halbe Stunde spazierte ich durch dieses Labyrinth, das nach altem Papier, Staub und Magie roch. Sachte fuhr ich mit der Hand über die Rücken der ausgestellten Bücher, während ich meine Wahl prüfte. (...) Bald befiel mich der Gedanke, hinter dem Einband jedes einzelnen dieser Bücher tue sich ein unendliches, noch zu erforschendes Universum auf."

Eine unsanfte Buchrückenmassage erlitt vor kurzem ein Wälzer, den ich mir in einer Bibliothek ausgeliehen hatte. Ein schönes altes Buch, dessen Einband die Seiten allerdings nur mehr notdürftig zusammenhielt. Ich war sehr vorsichtig damit umgegangen, aber aufgrund der Corona-Maßnahmen war ich aufgefordert, es über die Buchklappe zurückzugeben. Ich legte also das Buch in die Klappe, dann hörte ich nur mehr ein blechernes tocktocktock, bis es ziemlich weit unten angekommen war. In welchem Zustand, möchte ich mir lieber nicht ausmalen!