Heute Mittag kam das Gefühl, positiv zu sein. Hatte völlig den Geschmackssinn verloren. Wollte schon die Hotline anrufen. Bis ich merkte, dass ich Tofu esse. Bei Corona sind sogar die Witze schlecht. Noch ein Sieg, den das Virus für sich reklamieren kann.

Soviel Klopapier kann der Mensch gar nicht kaufen, dass ein Lockdown ausgerechnet im Novembernebel spurlos an dir vorrübergeht. Ein Leben genau so grau und grindig wie die gute Flanellhose, die mir die Mama als Kind einreden wollte. Der guten Flanellhose bin ich entkommen. Der Sperrstunde nicht. Manchmal glaube ich, die Krähen sind der einzige Spaß in der Stadt. Die krächzen wenigstens noch. Während wir allesamt immer leiser werden.

Morgens tue ich mir manchmal schwer, aus dem Bett zu kommen. Manchmal heißt, vier bis fünf Mal die Woche. Früher habe ich gleich zum Frühstück den Computer eingeschalten. Weil ich schon beim Kaffee informiert werden wollte, ob und wie die Welt sich weiterdreht. Heute fürchte ich mich vor der Information, ob und wie die Welt sich nicht mehr weiterdreht. Meine Frau meint, ich muss dringend zum Psychiater. Der Psychiater meint, alle müssen dringend zum Psychiater, den nächsten freien Termin hat er im März. Früher hätte ich mir eine Whiskeyflasche gekauft in so einer Situation. Heute funktioniert das immer noch recht gut.
Was die Auswahl an Alkoholika betrifft, so scheinen die Supermärkte extrem gut gerüstet. Schnaps ist das neue Klopapier, möchte man meinen. Eines hat Österreich nämlich schon gelernt aus dem ersten Lockdown. Endlich wissen wir, worauf es wirklich ankommt, wennst nichts mehr darfst außer fernschauen und brav sein am Abend. Das Klo wurde überschätzt. Beim zweiten Lockdown kommt in den Wohnungen endlich auch der Kühlschrank zur Geltung. Und die Getränkebar.

Mein direkter Wohnungsnachbar ist Schauspieler von Beruf. Meistens sehe ich ihn im Fernsehen. Gestern habe ich ihn am Gang getroffen. Er trug eine Gesichtsmaske und hat mir eine Flasche Wein geschenkt. Die trinke ich jetzt aus. Dann mache ich ganz fest die Augen zu. Wer will schon doppelt sehen in der Krise?