Wenn die Weltpolitik einen nur ratlos, aber schaudernd zurücklässt, die Corona- und die Wirtschaftszahlen einen das Fürchten lehren und der Lockdown in die Vereinsamung zwingt, dann gibt es etwas, worauf man sich verlassen kann. Etwas, das einen vielleicht verwirrt, aber stets erheitert: die heimische Innenpolitik. Diese Woche war es die neue Wiener Stadtregierung, die Freude in unser Leben brachte. "Die erste sozial-liberale Koalition in Österreich" nannte man sich. Und das will etwas heißen! Was genau, wird man sehen. Denn "sozial-liberal" war 1969 in Deutschland unter Willy Brandt eine Zeitenwende. Natürlich sind das große Schuhe, aber keine, die dieser "Fortschrittskoaltion" zu groß sind. Schließlich kann man mit zu großen Schuhe schlecht fortschreiten.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Und allen Unkenrufen zum Trotz, die Neos hätten nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage gehandelt und den vormaligen grünen Koalitionspartner der Genossen im Rathaus schlicht inhaltlich, personalmäßig (nur ein amtsführender rosa Stadtrat statt zwei grünen) und rückgrattechnisch unterboten (in Fachkreisen spricht man hier von Verhandlungslimbo), betonen alle Beteiligten, dass "auf Augenhöhe" verhandelt wurde. Sicher. Wenn ein sehr großer, roter Teddybär einen sehr kleinen, pinken Flamingo auf der Schulter stehen hat, sind die Augen ja auch auf gleicher Höhe. Wie sich das anfühlen muss, kann man sicher von Österreichs Wirtschaftsdelegationen erfahren, die kürzlich in China Gespräche geführt haben. Auf "Augenhöhe".

Doch zurück zum sozial-liberalen Fanal: So wie einst Willy Brandt mit John F. Kennedy verglichen wurde, wird sich wohl auch Bürgermeister Michael Ludwig an der Lichtgestalt seiner Zeit messen lassen müssen: Angela Merkel. Und tatsächlich: Ludwigs Charme, seine Ausstrahlung, sein rhetorisches Talent, all das ist schon in höchstem Maße merkelesk.

Und wenn Brandt in Warschau vor dem Denkmal der Opfer des Holocausts auf die Knie gefallen ist, wird auch Ludwig womöglich bald im verfreundeten Ausland (Burgenland), in Rust, einen Purzelbaum machen, eingedenk der zahlreichen toten Wiener, die die Heimreise vom pannonischen Heurigen auf der B15 nicht überlebt haben. Und wo der ehemalige deutsche Kanzler in Erfurt von den Ostdeutschen bejubelt wurde, kann es auch durchaus zu "Michi, Michi!"- Sprechchören kommen, wenn Ludwig einmal Klosterneuburg besuchen sollte. Irgendwie wohnt Landeshauptfrau Mikl-Leitner sowieso ein herber realsozialistischer Charme inne.

Und wie der FDP-Vizekanzler Walter Scheel seinerzeit 1973 "Hoch auf dem gelben Wagen" für die "Aktion Sorgenkind" gesungen und mit dieser Schallplatte immerhin Platz fünf der deutschen Charts erreicht hat, wird auch Christoph Wiederkehr sein musikalisches Talent unter Beweis stellen. Einer wie er, der nie "Das ist mir sehr wichtig" oder "Das ist ganz wesentlich" sagt, sondern stets "Das ist mir sehr, sehr wichtig" und "ganz, ganz wesentlich", ist eigentlich der geborene Rapper. Man darf schon auf fette Beats gespannt sein von MC Vizevizebürgerbürgermastermaster Wiederwiederkehrkehr. Bam, Oida!

Und dann gibt es Punschkrapfen für alle. Und die Stimmung ist wieder gut.