Gerald Schmickl, "extra"-Ressortleiter und Mehlspeisenfreund.
Gerald Schmickl, "extra"-Ressortleiter und Mehlspeisenfreund.

In Radek Knapps amüsantem Buch "Von Zeitlupensymphonien und Marzipantragödien", in dem der gebürtige Pole von seinen Erlebnissen und Erfahrungen als "Möchtegern-Österreicher" berichtet, gibt es ein Kapitel über seine Begegnungen mit Stanislaw Lem. Knapp kommt eines Tages als Heizungsableser, in welcher Funktion er eine Zeit lang in Wien tätig war, in die Hietzinger Villa des weltberühmten polnischen Science-Fiction-Autors ("Solaris"). Als er seinem Landsmann dort kundtut, eines Tages selbst Bücher schreiben zu wollen, lädt dieser ihn Woche für Woche zum - von seiner Frau zubereiteten - Mittagessen ein, um ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Zum Glück vergeblich (sonst hätten wir davon vermutlich nie erfahren).

Neben allerlei kuriosen Begebenheiten, die Knapp mit Lem erlebt und von denen er erzählt (etwa wie dieser Richard Gere, der die Filmrechte an einem von Lems Büchern haben will, am Telefon abwürgt, weil er den Schauspieler nicht kennt), ist mir vor allem die immer wiederkehrende Erwähnung delikater Nachspeisen aufgefallen. Stanislaw Lem isst mit großer Hingabe Torten, Kuchen und Kompotte. Als der - jetzt wissen wir wieso - korpulente kleine Mann einmal eine Extraportion als Nachschlag erhält, ist er - so schreibt Knapp, "sofort im siebten Himmel. Ich weiß nicht wieso, aber ich muss sofort an jene französische Gräfin denken, die, als ihre letzte Stunde schlug, ausrief: ,Ich glaube, ich sterbe. Schnell das Dessert!‘"

Auch der in Wien geborene und in New York weltberühmt gewordene Psychoanalytiker Otto Kernberg erinnert sich an Wien als eine Art Welthauptstadt der Mehlspeisen, nicht zuletzt auch deshalb, weil seine Mutter an der "Kaiserlich-königlichen Akademie für Backkunst" studierte und von dort stets süße Köstlichkeiten mit nach Hause brachte. (Davon erzählt Kernberg in dem Buch von Manfred Lütz, "Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg?".)

Alkohol oder Süßspeise? - Es geht auch beides ... - © Schmickl
Alkohol oder Süßspeise? - Es geht auch beides ... - © Schmickl

Nun können Gräfinnen, weltberühmte Autoren und Psychoanalytiker zwar generell, aber nicht in diesem speziellen Geschmacksurteil irren. Daher sei auch von dieser Stelle aus einmal mehr ein Loblied auf die Nach- und Mehlspeisen gesungen - verbunden mit dem dringlichen Appell, sich gerade jetzt - in Zeiten des Lockdowns - die Lust am Süßen nicht vergällen zu lassen.

Der allzu sorglose Umgang mit Alkohol mag, wiewohl mehr als verständlich in diesen Tagen, seine Tücken und gefährlichen Folgewirkungen haben, aber sicher nicht der Verzehr von allerlei Back- und Naschwerk, das nachweislich die Laune hebt und sprichwörtlich Licht ins Dunkel bringt (neurophysiologisch in Form von serotoninhältigen Botenstoffen im Gehirn). Obwohl Konditoreien und Cafés zurzeit geschlossen haben, muss man auf den kaiserlich-königlichen Genuss nicht verzichten, da auch Nachspeisen - so man sie nicht selbst bäckt (wofür in den edelsten Varianten wohl heute noch ein Studium notwendig ist) - ausgeliefert und zugestellt werden. So wird das Daheimbleiben zumindest auf diese Weise versüßt.