Den meisten gilt das Mittelalter als dunkle Epoche, in der die Menschen in Europa von strengen Glaubensvorschriften und Aberglauben bestimmt und kaum Fortschritte auf dem Gebiet der Wissenschaften erzielt wurden. Für Mediävisten ist jedoch klar, dass im Hochmittelalter des 12. Jh. entscheidende Grundlagen für jenen Aufbruch gelegt wurden, den wir als Renaissance bezeichnen.

Der Harvardprofessor Charles Homer Haskins veröffentlichte 1927 sogar ein Buch mit dem Titel "The Renaissance of the Twelfth Century". Er bezog sich auf die neuartigen geistigen und technischen Errungenschaften jener Zeit, insbesondere die Wiedergewinnung antiken Wissens über Vermittlung arabischer Gelehrter, die die Werke der griechisch-römischen Gelehrten im Laufe von Jahrhunderten gesammelt, übersetzt und kommentiert hatten.

Zentrum des intellektuellen Austausches war damals Spanien, wo Christen, Moslems und Juden gemeinsam die Erkenntnisse der griechischen und hellenistischen Philosophen diskutierten. Einer jener Europäer, die in diesem intellektuellen Umfeld tätig waren, hieß Hermann und bezeichnete seine Heimat als "Carinthia". Gemeint war damit das Gebiet des gleichnamigen mittelalterlichen Herzogtums, das bei weitem größer war als das heutige Bundesland Kärnten.

Dieser Hermann besuchte wohl eine Klosterschule in seiner Heimat, ehe er zu höheren Studien nach Chartres und Paris zog. Gemeinsam mit seinem Studienkollegen Robert von Ketton reiste er in den Orient und lernte die arabische Sprache, um sich in Spanien als Übersetzer und Verfasser wissenschaftlicher Abhandlungen niederzulassen. Berühmt wurden Hermann und Robert aufgrund ihrer Übersetzung heiliger Schriften des Islam (darunter auch der Koran), die sie im Auftrag des Abtes Petrus Venerabilis 1142 erstellten.

Hermanns 1143 veröffentlichtes Hauptwerk "De essentiis" behandelt die Grundlagen des Kosmos und der menschlichen Existenz und ist von unterschiedlichen antiken und arabischen Philosophen beeinflusst. Der Universalgelehrte beschäftigte sich mit Astronomie und Astrologie, Mathematik, Geometrie, Musik und Meteorologie und verfasste eine Reihe von kommentierten Übersetzungen und eigenständigen Werken, die teils bis heute erhalten sind.

Um das Wirken dieses großen Europäers zu würdigen, hat der Verfasser dieser Zeilen eine fiktive Biographie geschrieben, in der das Leben Hermanns in Form eines Itinerariums nachgezeichnet wird. Dabei wurden viele Quellen des 12. Jh. herangezogen, um der Leserschaft ein anschauliches Bild jener Epoche zu vermitteln.