Eigentlich wollte ich Ihnen ja von Monsieur Coué erzählen; aber wie es so geht, werden Sie wahrscheinlich längst wissen, was ich erst vor ein paar Tagen aus der Zeitung erfahren habe. Emile Coué, ein französischer Apotheker, hat um 1900 eine simple Methode entwickelt, die unfehlbar und ohne die geringsten Kosten zu verursachen zum Glück auf Erden führt, oder jedenfalls zu einer spürbaren Verringerung des Unglücks. Coués Methode besteht ausschließlich darin, sich vor dem Einschlafen zwanzigmal den Satz zu wiederholen: "Es geht mir jeden Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser."

Zwar ist es mir bis jetzt nicht gelungen, mir diesen Satz im genauen Wortlaut zu merken, und auch vergesse ich vor dem Einschlafen regelmäßig darauf, ihn mir wenigstens ungenau vorzusagen, weil ich damit beschäftigt bin, nicht einschlafen zu können, und mir währenddessen die Zeit damit vertreibe, mir Sorgen über den kommenden Tag und seine Aufgaben und Anforderungen zu machen. Und trotzdem geht es mir schon jetzt viel besser. Immer wenn ich an Monsieur Coué und seine Methode denke, erheitert mich das kolossal. Noch mehr erheitert mich, dass es bis heute in vielen Ländern Vereine gibt, die sich mit Coués Methode beschäftigen, und dass ganze Bücher darüber geschrieben werden. Dabei ist es nur ein einziger Satz. - Wenn ich ihn mir nur merken könnte.

Nun habe ich gestern zufällig meinen Freund, den Archivar, getroffen. Wir haben ein Bier mitsammen getrunken und uns über das Neueste auf dem Gebiet der Archivwissenschaften unterhalten, und plötzlich, ich will sagen irgendwie übergangslos hat er mich gefragt, ob ich eigentlich wüsste, wie lange eine Laserkopie hält?

Was heißt: hält?

Na ja, sagte der Archivar, ich meine: hält. Beim Pergament wissen wir es. Es hält so seine tausend Jahre, oft auch länger. Das Holzschliffpapier, das ab ungefähr 1880 verwendet wurde, zerbröselt gerade jetzt, also nach gut hundert Jahren. Weißt du, wie lange deine gesammelten Werke, die als Fotokopien oder Laserausdrucke bei dir in der Schublade liegen, halten werden? Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Ich war gerade auf einem Archivarskongress, dort waren die Zampanos aus meiner Branche vollzählig vertreten, und ich habe sie gefragt. Sie haben überhaupt noch gar nicht dran gedacht. Sie machen sich momentan hauptsächlich Sorgen über all die Hardware und Software, die in der Welt herumgeistert und die man praktisch vollständig sammeln müsste, damit man später irgendwelche Disketten oder Festplatten oder Cartridges oder weiß der Kuckuck was für Speichermedien vom Ende des 20. Jahrhunderts überhaupt noch lesen kann.

Wenn diese Speichermedien bis dahin nicht selber schon in sich zerfallen sind, elektronisch verfault sozusagen. Vom Thermopapier, auf dem unsere ersten Kopien und später unser Faxe ausgedruckt wurden, wissen wir es. Wenn man es in die Sonne legt, ist es nach zwei Stunden weg, sonst braucht es ein bisschen länger. Die schönen Farbbilder, die man jetzt mit diesen neuen Tintenstrahldruckern machen kann: weißt du, wie sowas in hundert Jahren ausschaut? Weißt du, ob nicht dein ganzes Archiv, jede einzelne Seite Laserausdruck oder Laserkopie, am Ende nur noch ein Haufen weißer (oder vielmehr vergilbter) Blätter sein wird, und daneben ein Häufchen schwarzes Pulver . . . Ich wage eine Prophezeiung, sagte der Archivar. Unsere Lebenszeit wird später als die am schlechtesten dokumentierte Epoche der Neuzeit in die Geschichte eingehen.

Und was soll ich jetzt tun? Mir hundert Quadratmeter Pergament kaufen und alles noch einmal mit Tinte, oder Tusche, oder . . .

Die Tinte müsstest du schon auch selber herstellen. Soll ich dir etwas von den modernen Tinten erzählen?

Jetzt muss ich den Satz von Monsieur Coué wirklich auswendig lernen.