Jedes Jahr, wenn das erste Glatteis die Autofahrer ärgert und in den Alpen Schnee fällt, bricht die Nachricht über das Wort des Jahres auf uns herein. Die Initiative ist entstanden, weil es uns die Deutschen vorgehüpft haben. Die "Gesellschaft für deutsche Sprache" in Wiesbaden bat jedes Jahr ein Gremium von Experten, eine Wahl zu treffen. Was zur Folge hatte, dass die österreichischen Medien über bundesdeutsche Wörter des Jahres berichteten, die für uns keine Relevanz hatten. Eines Tages pilgerte der Grazer Assistenzprofessor Rudolf Muhr zum damaligen APA-Chefredakteur Wolfgang Mayr und schlug ihm vor, gemeinsam ein österreichisches Gegenmodell zu entwickeln.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

In einer ersten Phase werden per Internet Ausdrücke gesammelt. Dann trifft Muhr gemeinsam mit Uni-Kollegen und Kommunikationsexperten eine Vorauswahl. Daraus werden in einer Onlinewahl die Sieger ermittelt - das Panel ist also keineswegs repräsentativ für alle Bevölkerungsschichten. Außerdem wird das Ergebnis nach Eigenangaben "bei knappen Ergebnissen oder aus wichtigen Gründen" durch die Jury mitbestimmt.

Ich finde, der Reiz der Aktion bestünde darin, dass über die Ergebnisse kontrovers diskutiert wird. Man könnte sich fragen, wieso für den Unspruch oft ein Politiker der ÖVP herhalten muss. Dieses Mal traf es eine Aussage des Bundeskanzlers Sebastian Kurz aus dem Frühjahr. "Wir werden auch bald in Österreich die Situation haben, dass jeder irgendjemanden kennt, der an Corona verstorben ist." Dies hat sich inzwischen bewahrheitet, auch in meinem Bekanntenkreis. Doch die Jury meinte, die Aussage wurde "allgemein als unnötige Angstmacherei" klassifiziert. "Da die drastische Prognose glücklicherweise nicht eingetreten ist, wurden und können damit auch seriöse und ernste Warnungen als realitätsferne Panikmache diskreditiert werden." Das ist eine realitätsferne Sicht der Dinge.

Wort des Jahres ist der Babyelefant, eine Entlehnung aus dem Englischen, im Deutschen wäre Elefantenbaby zu erwarten. Den Spruch des Jahres, "Schleich di, du Oarschloch!" soll ein Unbekannter dem Terroristen in der Wiener Innenstadt nachgerufen haben. Dazu die Jury: "Dieser spontane Ausspruch wurde in den sozialen Medien von vielen geteilt und ist in kürzester Zeit zu einem geflügelten Wort geworden, das sich auf T-Shirts und Aufschriften wiederfindet."

Da wird also auf Twitter ein Spruch nach dem Hörensagen verbreitet und die Zeitungen bezeichnen ihn als österreichisches Gegenstück zu "Je suis Charlie". Der Spruch sei eine typische und adäquate Reaktion der Österreicher gewesen. Deutsche Medien übernehmen prompt diese Lesart.

Würde das für alle Österreicher gelten, müsste ich mich genieren. "Je suis Charlie" drückt die Solidarität mit den Opfern aus und ist ein Signal, dass in der Satire auch Mohammed nicht verschont werden muss. "Schleich di, du Oarschloch!" ist hingegen ein xenophober Ausspruch aus der tiefsten Schublade des Dialekts. Eines Tages wird er einem unbescholtenen Türken, Syrer oder Serben an den Kopf geworfen werden. Ich möchte einen Spruch des Bundespräsidenten abwandeln: So sind wir nicht!