Erinnern Sie sich noch an die lächelnde rote Sonne auf gelbem Hintergrund? Es ist mehr als
42 Jahre her, dass ich mit einem "Atomkraft? Nein danke!"-Anstecker durch die Gegend lief. Es war ein frühes politisches Statement, es war der aufkeimende grüne Zeitgeist, der uns - mich und die Mitschülerinnen und Mitschüler einer Allgemeinbildenden Höheren Schule in Wien - bewegte, es war eigentlich, da man höchstens rudimentäre Kernphysik-Kenntnisse besaß, ein diffuser Protest gegen die Elterngeneration. Bundeskanzler Bruno Kreisky hat damals, sehr zum Unverständnis seiner progressiven Mitstreiter, darauf gesetzt, die Inbetriebnahme des ersten und einzigen österreichischen Atomkraftwerks zur Volksabstimmung zu erklären. Wie die Sache ausging, steht in den Geschichtsbüchern. Wer eine denkwürdige Ruine des 20. Jahrhunderts besichtigen mag, sollte einen Ausflug nach Zwentendorf planen.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Die ablehnende Haltung zur Atomkraft hat sich in die DNA der österreichischen Volksseele eingebrannt wie der Glaube an die ewige Neutralität oder die Symbolkraft der Großglockner-Hochalpenstraße. Allerdings waren das schon Trugbilder, als man noch ohne Eurofighter und Schneekanonen auskam. Bin ich heute noch stolz darauf, dass es mir anno 1978 gelang, meine stockkonservativen Eltern von der Gefährlichkeit der Atomkraft zu überzeugen? Wahrscheinlich war’s auch nur eine naive Form des Selbstbetrugs: Sie hatten einfach dem Sozialdemokraten Bruno Kreisky eine Abfuhr erteilt.

Acht Jahre später, Stichwort Tschernobyl, sah man sich bestätigt. Aber selbst diese Nuklearkatastrophe verblasst in der Erinnerung - und es braucht alle unheiligen Zeiten einen Denkzettel wie Fukushima, um sich seiner Position neu zu vergewissern. Dass aktuell rund um Österreich 13 Atomkraftwerke in Betrieb sind - einige in unmittelbarer Nähe zu Wien und sieben davon als "hoch riskant" eingestuft - und kaum jemand davon Notiz zu nehmen gewillt ist, ist ein Phänomen, das in psychologischen Fachbüchern recht gut beschrieben wird.

Die Kernfrage damals wie heute lautet: Beherrscht der Mensch die Technik der Atomspaltung und, wichtiger noch, der Entsorgung und Endlagerung der radioaktiven Abfälle? Das Dilemma zwischen Hypothese und Realität klafft tief: Im April 2020 waren weltweit 442 einschlägige Kraftwerke am Netz. Und in China wurde gerade der erste Kernfusionsreaktor nach dem Tokamak-Prinzip (HL-2MM EAST) in Betrieb genommen - noch erzeugt dieser Versuchsträger keine Energie, gilt aber als Zukunftstechnologie. Einige Probleme ließen sich damit lösen. Dass die Chinesen nebenher gerade den weltweit schnellsten Quantencomputer vorgestellt, zwei erfolgreiche Mond-Missionen abgeschlossen und die Covid-Pandemie gut im Griff haben, eröffnet eine je nach Geschmackslage erschreckende oder hoffnungsspendende geopolitische Vision.

Hierzulande aber werden Kapazunder wie Beate Meinl-Reisinger oder Hannes Androsch zu schrägen Querdenkern - ein längst kontaminierter Begriff - erklärt, weil sie neu über die Atomkraft nachdenken wollen. Ich als Atomgegner von damals sage: Wenn sie frische, faktenuntermauerte, technisch und politisch valide Antworten auf die Kernfrage haben - warum nicht?