Hans-Paul Nosko hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Viel war nicht erlaubt in der Zeit des zweiten Lockdowns. Die allermeisten Geschäfte waren geschlossen - umso mehr Freude machte da anscheinend das Einkaufen von Lebensmitteln: In den Supermärkten herrschte zuweilen echtes Gedränge. Auch im Spezialitätenhaus am Graben, das sich die Bezeichnung "Supermarkt" aufs Strengste verbitten würde (obwohl auch dort die Kunden mit Wagerln herumkurven), ging es hoch her.

Am Abend wird derzeit um sieben Uhr geschlossen. Und wenn dann die Kunden ihr liebgewonnenes Geschäft ein paar Minuten nach der Zeit verlassen, so hat man den Eindruck, dass sie es nur ungern tun: Aufwärmen in der gewohnten Umgebung, während es draußen kalt ist, sich ein Stückchen Schinken oder Käse zum Verkosten reichen lassen, und am Ende die eingesammelten Schätze in das orangefarbene Säckchen verpackt bekommen - das tut gerade jetzt gut.

Apropos Käse: Ich war seit langer Zeit wieder einmal am erwähnten Ort, da ich für einen Freund eine ganz spezielle Bonbonniere besorgen wollte, und kam an der Käsetheke vorbei. Dort war gerade ein Verkäufer dabei, für eine Dame ein Stück eines Hartkäses von einem Laib abzuschneiden, von dem bereits ein Teil fehlte. Er deutete mit seinem Messer die Größe an, die der gewünschte Sektor seiner Einschätzung nach haben könnte, und blickte die Kundin fragend an. "Nein, nicht so", erwiderte diese. Der Mann veränderte den Winkel seines Messers zu den Kanten des Laibs und wartete. Die Antwort blieb dieselbe, wobei die Dame mit der ausgestreckten Hand durch die Luft fuhr, wohl um die Schnittrichtung zu verdeutlichen. Das Spiel wiederholte sich noch einige Male, bis das Ergebnis befriedigend ausfiel. Der Verkäufer bemerkte trocken: "Also etwa neunzig Prozent", und wünschte formvollendet einen angenehmen Tag.

Unwillkürlich fiel mir eine Beobachtung aus jener Zeit ein, als ich meine erste eigene Wohnung bezogen hatte. Sie lag unweit des Cottage-Viertels. Gleich ums Eck gab es eine Meinl-Filiale, etwas weiter entfernt einen Hofer. Ich stand am Beginn meiner beruflichen Laufbahn und deckte mich daher bei Letzterem oft, bei Erstgenanntem eher selten ein. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass etliche der vornehmen Damen aus der "Kotteesch" auf ihrer Einkaufstour zuerst bei Meinl einkehrten und sich für die erstandenen Lebensmittel ein reichlich überdimensioniertes Sackerl geben ließen. Dieses - es war damals gelb - trugen sie anschließend in die Hofer-Filiale und erstanden dort zu günstigeren Preisen den Rest ihres Bedarfs. Niemals sah ich allerdings, dass eine dieser Damen sich mit einem Papiersackerl des Diskonters sehen ließ.

Heute gibt’s bei Hofer äußerst stabile Einkaufstaschen in dezentem Dunkelblau. Und als ich neulich über den Graben ging, sah ich eine gut gekleidete junge Frau, die eine solche lässig über der Schulter trug. Manches ändert sich.