Je länger diese Pandemie andauert, desto mehr fühle ich mich wie der Sohn in dieser Weihnachtsgeschichte. Nein, nicht wie der in der Krippe, sondern wie dieser ERWACHSENE Sohn. Der, dem seine Mama zu Weihnachten zwei Krawatten geschenkt hat, von denen er sich eine sofort begeistert umgebunden hat. Mama (vorwurfsvoll): "Und die andre g’fallt dir wohl ned." Gut, nirgends steht: "Nach einer wahren Begebenheit." Vielleicht hat sie ihm also in Wirklichkeit zwei Paar SOCKEN geschenkt. Hätte allerdings eh keinen Unterschied gemacht. Irgendwann wäre er trotzdem schizophren geworden. Na ja, und jetzt, wo die Geschäfte wieder offen haben und eben auch jene, in denen es Krawatten gibt, haben wir die Chance, genau solche Weihnachten zu verbringen. (Ob es was zu bedeuten hat, dass der Vizekanzler bei Pressekonferenzen nie eine Krawatte trägt?) Natürlich sollen die Menschen gefälligst mehr kaufen als Krawatten. Mit Krawatten allein werden wir Weihnachten nicht retten, das Fest der käuflichen Liebe. (Am 24. gehen alle ins Puff? Nein, warum?) Hm. Was ich will, das darf ich nicht. Was ich darf, soll ich nicht. Was ich muss, will ich sowieso nicht (aber es muss nun einmal sein). Und was ich soll, muss ich eventuell nicht, doch ich dürfte, wenn ich wollte. Soll sich da einer auskennen. Zum Beispiel, wie ich einkaufen gehen soll und zugleich daheimbleiben (sonst bin ich nachher womöglich schuld am dritten Lockdown). Noch dazu sollte ja nicht jeder gleich am Anfang die Läden stürmen. Wer, bitte, ist jeder? Würde mich gern mit dem Typen absprechen, damit wir uns Time-Slots ausmachen. Weil die haben sicher nicht den neuen Jedermann gemeint. Das ist bekanntlich der . . . der . . . - dieser Deutsche halt. Der mit der Chris-Lohner-Frisur. Bloß ohne Stirnfransen. Und mit Seitenscheitel. Und mit Braun statt mit Rot. Und überhaupt. Jedenfalls war dieser Jeder tatsächlich nicht shoppen (stell dir vor, es ist ein Massenansturm und nur ein kleines Grüppchen geht hin), woraufhin der HANDEL gejammert hat. Vermutlich sitzt die Bevölkerung grad brav zu Hause und wartet, bis die Luft rein ist, und dann . . . rennen alle gleichzeitig los. Und wenn ich mir einfach online was bestelle? Kontaktlos? Okay, im "Kaufhaus Österreich" finde ich nix, nämlich mich nicht zurecht, und dem Jeff Bezos seine Weihnachten muss echt keiner retten. Dem GEHÖRT Weihnachten, hallo?

Testen sollte ich mich ebenfalls lassen. Müssen tu ich freilich nicht. Außerdem leide ich an einer Zahnarztphobie. Und ich muss eben immer an den "Marathon-Mann" denken, an die Folterszene, wenn die Testpersonen so gequält dreinschauen, als würde man ihnen mit dem Sacherwürstel unter den Wattestäbchen bis ins Hirn reinbohren. Manche Leute haben ja wirklich die Angst, nach einem Nasenabstrich wären sie lobotomiert. (Im Ernst? Sowas glauben die? Und das, BEVOR man sie lobotomiert hat?) Fast hätte ich mich dennoch angemeldet, als ich die langen Schlangen vor den Massenteststationen gesehen hab. Denn die betreiben da drin sicher in Wahrheit ein Punschstandl. Aber was, wenn nicht, und ich positiv getestet werde? Wer rettet dann Weihnachten? Der Jeder?