Durch die Corona-Pandemie hat es ein Wort aus der englischen Wirtschaftssprache bei uns zu einer ungeahnten Popularität gebracht: Nudging. Englisch "to nudge" bedeutet so viel wie "anstoßen", "schubsen" oder "stupsen". Beim Nudging werden die Menschen auf mehr oder weniger subtile Weise dazu bewegt, etwas Bestimmtes zu tun oder zu lassen. Es geht um Denkanstöße.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Geprägt wurde der Begriff im Buch "Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt" des Wirtschaftswissenschafters Richard Thaler und des Rechtswissenschafters Cass Sunstein. Für die Autoren handelt es sich um Nudging, wenn eine Fliege in einem Urinal abgebildet ist und die Männer beim Urinieren auf sie zielen oder wenn Gesundes am Buffet in Griffnähe ist, Süßes dagegen nicht. Oft geht es darum, den Verkauf von Waren zu fördern. Das Brot ist geschnitten und attraktiv verpackt, im Vorbeigehen kann man es schnappen und in den Einkaufswagen legen - ohne sich anzustellen. Wer es einmal so macht, macht es vielleicht immer so. Auch die Warnhinweise auf Zigarettenschachteln sind Nudging.

Neuerdings werden Verhaltensänderungen auch vom Staat intendiert. Wie bringe ich die Bürger dazu, Abstand zu halten, einen Mundnasenschutz zu tragen, die Hände zu waschen, zuhause zu bleiben, sich testen und sich impfen zu lassen? Mit obligatorischen Maßnahmen und Strafen funktioniert es auf längere Frist nicht, auch deshalb, weil in westlichen Demokratien die Kontrolle von derartigen Regeln eine Flut polizeistaatlicher Maßnahmen erfordern würde. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik herrscht weitgehend Einigkeit, dass das nicht ginge.

Aber wie können die Regierungen und die Gesundheitsbehörden durch Nudging das Verhalten der Menschen beeinflussen? Ein gutes Beispiel ist ein TV-Spot des deutschen Gesundheitsministeriums, der jetzt auf vielen Sendern läuft. Es sind Testimonials von Menschen, die Corona überlebt oder durch Corona einen ihrer Lieben verloren haben - vielleicht dargestellt von Schauspielern, ich weiß es nicht. Jedenfalls meint ein langhaariger Kraftlackel: "Dass ich mal auf ner Intensivstation lande, damit hätte ich niemals gerechnet." Ein Mädchen mit Nasenpiercing klagt mit verweinter Stimme: "Mein Papa war einfach ein guter Mensch, ein herzensguter Mensch." Ein Mann, Typus Bildungsbürger, erzählt: "Der Moment des Aufwachens war einer der glücklichsten Momente meines Lebens." Dann das Fazit: "Corona kann einen schweren oder tödlichen Verlauf nehmen. Schützen Sie sich und andere."

Ähnliche Spots gab es vereinzelt auch in Österreich, aber mit geringer Breitenwirkung. Mir ist klar, dass derartige Kampagnen auf Kritik stoßen können. Werden die Menschen durch Nudging manipuliert? Wäre nicht Information besser als Emotion? Information gibt es ohnedies in großem Umfang, aber sie wird oft nicht angenommen. Wenn es um Leben und Tod geht, wenn ein Kollaps unseres Gesundheitswesens droht, muss Nudging legitim sein. Zu viele Menschen begreifen noch immer nicht den Ernst der Lage, zu viele sagen: Mich wird es schon nicht treffen. Der Babyelefant ist lieb, aber nur begrenzt wirksam.