Kuba ist ein erstaunliches Land. Vielleicht verkläre ich es, aber meine Erinnerung an die Insel und ihre Bewohner ist mehr von Sonnenlicht als von Schatten durchdrungen. Leider kann ich Kuba derzeit nicht bereisen, aber man sollte wohl - wenn es wieder möglich ist - versuchen, den letzten Abglanz der Castro-Jahrzehnte vor Ort zu erspüren. Bevor der Einheitslook des globalen Spätkapitalismus Raum greift, samt McDonalds-, H&M- und Walmart-Filialen, Amazon-Depots, Ikea-Möbelhäusern und Coca Cola-Leuchtreklamen.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Teil des klischeehaften, aber durchaus auch realitätsnahen Bildes von Havanna und vielen anderen Orten der Insel war und ist die Oldtimer-Parade auf den Straßen. Für Autofetischisten ist Kuba ein Freiluftmuseum. Die opulenten vorrevolutionären Ami-Schlitten, gebaut in den Vierziger- und Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, wurden für den Taxiverkehr freigegeben, neue Autos kaum importiert. Die uralten Ungetüme sind zwar knallig bunt lackiert und ihr Chromzierrat glänzt verheissungsvoll - aber selbst Laien ahnen, dass nach vielen Jahren intensiver Nutzung kaum ein Teil mehr original ist. "Der Motor stammt von einem Toyota oder gar einem Boot", resümierte ein Reporter, "die Einzelteile sind handgefertigt, zweckentfremdet oder umgearbeitet. Zusammengehalten wird das Auto von Spucke, Kaugummi und guter Hoffnung. Und es ist eine Tragödie, wenn das Auto wieder mal nicht fährt - schließlich hängt das Einkommen mindestens einer Familie an dem Oldtimer."

Mittlerweile ist die Situation aber nochmals verschärft: die kubanische Regierung hat 2019 zwei Drittel der alten Taxis von den Straßen genommen und durch hunderte russische Kleinbusse ersetzt. Vorgeblicher Grund: technische Mängel. Durchaus nachvollziehbar - aber war es nicht gerade die Improvisationskunst und der unbedingte Wille zur ewigen Nutzung, die uns verwöhnten Westlern Achtung abrang? Freilich merke ich auch, während ich diese Zeilen in den Computer tippe, dass man hier nostalgischen Gefühlen nachhängt, die wenig mit dem 21. Jahrhundert zu tun haben. Jeder Tesla-, BMW i3- oder Polestar-Fan schüttelt den Kopf. Dennoch (oder gerade deswegen) kam mir gerade die schräge Oldie-Versessenheit der Kubaner in den Sinn, als ich neulich in eine Debatte um die Nachhaltigkeit von Benzin- und Elektroautos geriet.

Denn da tauchte plötzlich ein Autobastler um die Ecke, der die Umweltbilanz seiner locker fünfundvierzig Jahre alten Limousine über alles stellte. "Ich kenne niemanden, der täglich mit dem Oldtimer pendelt. Der steht 99,5 Prozent des Jahres in der Garage, fährt kaum und hat seinen Produktionsaufwand schon fünfmal wieder reingeholt." Verblüffung rundum. Das Argument, dass solche Karren luftverpestende Spritverbrenner wären, blieb auf der Strecke. Seltsamerweise kam niemandem der Gedanken, dass "Just For Fun"-Fahrzeuge - und seien sie noch so gehätschelt - nicht den Individualverkehr prägen werden. Mit Gewissheit nicht. Dass aber in der Wartungsfreudigkeit, Reparaturfähigkeit und Langlebigkeit von Autos und der Liebe ihrer Besitzer auch ein Quäntchen Zukunftshoffung steckt, muss man zumindest Kubanern nicht erklären.