"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl.
"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl.

Es mag dem Umstand geschuldet sein, dass neben Beethoven heuer auch der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel seinen 250. Geburtstag gehabt hätte, dass die herrschende Pandemie ausgerechnet mit dessen Denken in Verbindung gebracht wurde.

Der ubiquitäre slowenische Philosoph Slavoj Žižek etwa glaubte in dem Virus den Hegelschen "Weltgeist" entdeckt zu haben. Und zwar in dem Sinne, dass die Covid-Pandemie eine List der Vernunft sei, ein Agent des Fortschritts, der die Verhältnisse schon in die richtige Richtung lenke, etwa hin zu globaler Zusammenarbeit (auch jenseits von Impfstoffen).

Ob sich dieser buchstäbliche Idealismus tatsächlich je zeigen und als wirkmächtig erweisen wird, bleibt abzuwarten. Mehr als Hegel erscheint mir ein anderer deutscher Philosoph mit all dem, was wir in diesem Jahr in Folge der Pandemie erleben mussten, in direkter Verbindung zu stehen. Und zwar Friedrich Nietzsche. Einige von dessen zentralen Begriffen passen viel besser zu dieser flächendeckenden Seuche und all ihren Auswirkungen als Hegel. Zum Beispiel die "ewige Wiederkunft des Gleichen". Präziser kann man das Gefühl kaum beschreiben, das einen etwa bei den Auftritten des "pandemischen Quartetts" der österreichischen Bundesregierung befällt. Oder bei unzähligen "ZiB"-Diagrammen, Virologen-Auftritten, Hygienemaßnahmen-Verkündigungen und all den sonstigen ständig wiederkehrenden medialen Versatzstücken.

Oder die "Umwertung aller Werte": Auch dafür liefert Covid-19 mehr als genügend Anschauungsbeispiele. Nicht alles, aber doch viel von dem, was bisher eine hohe soziale Wertigkeit hatte, hat sich ins Gegenteil verkehrt. Kontaktfreudigkeit etwa, sprich: ein großer Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis, erwies sich heuer als empfindlicher Nachteil, sprich: gefährlicher Ansteckungsfaktor.

Der sozial Isolierte hingegen, eine bisher bemitleidenswerte Erscheinung, ist der Gewinner des Jahres. Seine Existenzweise ist die perfekte Anpassung ans Gegebene (und sozial Erwünschte). Der Nerd ist zur Zentralfigur avanciert (auch weil er die ebenso pandemischen Computerprobleme der "Generation Zoom" lösen kann). Der Küsserkönig, einst - als es noch Zigarettenwerbung gab - ein plakatiertes Projektionsideal, ist das Schreckgespenst unserer Tage.

Bleibt als weitere berühmte Nietzsche-Sentenz noch seine Definition der Wahrheit als "ein bewegliches Heer von Metaphern". Auch das passt zur Situation, wird doch im Internet seit einiger Zeit unter #reframecovid nach alternativen Sprachbildern für die Pandemie gesucht. So hat etwa die Linguistin Elena Semino für die Verwendung von Feuermetaphern statt der üblichen Wassermetaphern (Welle!) plädiert, weil der Wald brenne und der Funke, also das Virus, von Baum zu Baum springe.

Es ist zu vermuten, dass auch Nietzsche, der lieber mit dem Zündholz als dem Wasserschlauch in der Hand philosophierte, von diesem Sprachgebrauch angetan gewesen wäre. Durchgedreht wäre er so oder so. Ich hoffe, wir folgen ihm nicht auch in dieses Schicksal.