In jeder Krise liegt eine Chance. Sätze wie dieser werden nicht wahrer, nur weil man sie ständig wiederholt. Dass jede Krise ihre Profiteure kennt, weiß man, aber genau darüber soll die Phrase hinwegtrösten. Und wenn es so sein sollte, dass Krisen Chancen bieten, lässt sich beobachten, dass wir in der Regel alles daransetzen, diese nicht zu ergreifen. Damit wären wir beim Weihnachtsfest in den Zeiten der Pandemie.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Die Klage über die schlimmsten und schwierigsten Festtage seit Ende des Zweiten Weltkriegs will nicht abreißen. Es genügte, sich die legendäre Ansprache Leopold Figls vom 24. 12. 1945 in Erinnerung zu rufen, um zu wissen, dass wir alle Maßstäbe verloren haben. Wenn die größten Probleme dieses Winters darin liegen, dass man Geschenke nun gelassen im Internet bestellt anstatt sich in der Hektik des Kaufhausgewühls zu stressen und dass man beim Skilauf auf den wärmenden Wodka mit Feige verzichten muss, dann ist das nicht Jammern auf hohem, sondern auf gar keinem Niveau.

Machen wir uns nichts vor. Das zu einem globalen Konsumevent mutierte ehemalige christliche Fest mit heidnischen Wurzeln hatte bei vielen Zeitgenossen aus unterschiedlichen Gründen seit längerem Unbehagen ausgelöst. Beklagten die einen den Verlust der Frohen Botschaft im geschäftigen Trubel, wollten die anderen nicht einsehen, dass sie krampfhaft nach Geschenken für Menschen suchen sollten, die ohnehin alles haben, nur weil es die Konvention so will. Und dass die Inflation an Weihnachtsmärkten gestoppt wurde und das unappetitliche Gedränge vor Punschständen in diesem Jahr ausfällt, muss nicht unbedingt als großer kultureller Verlust verbucht werden.

Aber die sozialen Kontakte? Die Familienfeiern? Der ausgelassene Jahreswechsel, der uns alle in fröhlicher Runde verbindet? Wie werden wir die Einschränkungen und Verbote psychisch verkraften? In der Tat: Die aufgezwungene Isolation wiegt schwer, gerade weil das baldige Ende der Pandemie beschworen wird und man es deshalb kaum noch erwarten kann, zum gewohnten Leben zurückzukehren. Der Unmut über die Reduktionen des weihnachtlichen Treibens ist deutlich zu spüren. Dabei böten diese Restriktionen die Möglichkeit, sich von rituellen Verpflichtungen zu entlasten, die vielen Menschen zu schaffen machen.

Das gilt, bei Kerzenlicht besehen, selbst für die innigen Familienzusammenkünfte. Nicht wenige nahmen diese nur auf sich, weil es so erwartet wird, und wünschten sich unter dem Baum dann ganz weit weg. Manche verkündeten mit kokettem Augenaufschlag, dass Weihnachten zuhause einfach schrecklich sei, und flohen in exotische Gefilde, verfolgt von den neidischen Blicken der Zurückgebliebenen. All das kann man sich heuer ersparen und dabei einen Eindruck davon bekommen, wie es Menschen geht, die auch ohne Ausnahmezustand mit wenigen oder gar keinen sozialen Kontakten leben müssen.

Weihnachten, so will es das Klischee, sei die stillste Zeit im Jahr. Heuer bestünde die Chance, diesen Kalenderspruch Wirklichkeit werden zu lassen. Die christlichen Kirchen könnten dazu aufrufen, sich ohne Christmette auf den Kern dieses zentralen Festes zu besinnen, die konsummüden und kapitalismuskritischen Verächter jedweden Rummels dürften aufatmen, die interkulturellen Kosmopoliten wären von der Last befreit, sich zu überlegen, ob, mit wem, wann und wo gefeiert werden soll, und auch die hartnäckigen Corona-Skeptiker sollten sich um des lieben Friedens willen ein wenig Entspannung gönnen. Einige Tage wäre es dann wahrhaft still im Land. Doch Stille halten wir nur schwer aus. Schon gar nicht zur Weihnachtszeit.