Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming in Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming in Tirol.

Was wird die Zukunft, was wird dieses Jahr bringen? Wie wird sich die Welt weiterentwickeln? Werden wir das Virus in den Griff bekommen, und welche Folgen werden die Maßnahmen haben? Und wie hängt alles zusammen? Niemand weiß es genau, außer jene gar nicht so wenigen Menschen, die offenbar geheimdienstliche Verbindungen pflegen. Vermutlich sind sie für unterschiedliche Nachrichtendienste tätig und können Informationsquellen anzapfen, die Menschen wie mir, die sich aus Zeitungen und TV informieren, nicht zur Verfügung stehen. Sie machen verschwörerische Mienen und sagen Sätze wie: "Nichts ist, wie es scheint", oder: "Es gibt keine Zufälle".

Geheimes Wissen zu besitzen macht einerseits bedeutsam, andererseits einsam, deshalb wollen diese Menschen ihr Wissen gern teilen. Und so stellt sich einer von den besonders einsamen Geheimdienstlern mir manchmal beim Einkaufen in den Weg (seit Corona immerhin mit Abstand) und grüßt höflich. Ich möchte schnell weiter und mich mit den Dingen des täglichen Bedarfs beschäftigen, aber so leicht ist das nicht, wenn missionarischer Eifer auf seine Chance wartet. Und so entspinnt sich ein Dialog, der, ein wenig überspitzt, so abläuft: "Schönes Wetter heute!", fühle ich mich gemüßigt zu bemerken. "Schön?", fragt der Geheimdienstler ungläubig. "Immerhin scheint die Sonne!" "Wenn man dem Schein glaubt ..." "Warum sollte ich nicht an den Sonnenschein glauben? Schließlich bekomme ich ihn hautnah zu spüren! Sehr angenehm!" "Lassen Sie sich nur einlullen. Wie die meisten Menschen ..." "Sie glauben nicht an die Sonne?" "Man kann an nichts mehr glauben." "Ah ja, das Wetter wird manipuliert und Elvis Presley lebt", sage ich. "Bei Elvis Presley bin ich mir nicht sicher."

Wenn ich mich nicht spute, wird er als Nächstes ansprechen: das "Corona-Komplott", Bill Gates, die Eliten und die Weltverschwörung, die Pharmaindustrie, 5G, Zwangsimpfungen, Mundschutz-Knebel und Sprechverbote. Letztere hat die Regierung noch nicht erlassen, weshalb ich schauen muss, wie ich das Gespräch beende. Ich erkläre, dass ich einigen Fake-News der Lebensmittelindustrie auf der Spur bin, weil ich vermute, dass Superfood doch nicht so gesund und sexy macht, weshalb ich dringend meine Einkäufe erledigen muss, um die Ergebnisse auswerten zu können. "Sie nehmen mich nicht ernst", sagt der Geheimdienstler, der zum Glück keine wie immer gearteten Befugnisse hat, und lächelt mitleidig.

Nach solchen Gesprächen sehnt man sich nach der Echokammer zu Hause, wo man viel Zustimmung für die eigenen Meinungen bekommt. Wir sind uns etwa darin einig, dass man zwar auch der Wissenschaft gegenüber skeptisch bleiben soll, dass man dabei aber zwischen seriösen und unseriösen Quellen unterscheiden muss, um keinem Unfug aufzusitzen. Wir fühlen uns bestätigt, stoßen aufs Neue Jahr an und glauben wieder für eine Weile an Erkenntnisvermögen und Vernunft.