Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.
Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Seit wir dazu angehalten sind, unsere Sozialkontakte vermehrt online zu absolvieren, hat sich mein Umgang mit Zoom oder Houseparty erheblich verbessert. Vor Corona waren diese Möglichkeiten der Kontaktaufnahme zwar auf meinem Handy angelegt, aber gänzlich ungenutzt geblieben. Mail oder Telefon, lautete die Devise.

Vor einem Monat habe ich meine Zurückhaltung abgelegt: Mit einem großen Schritt nach vorne habe ich mich an die neuen Gegebenheiten angepasst und mir selber ein virtuelles Zimmer eingerichtet, in dem ich etwa dem kleinen feinen Kreis der Tiroler Jin-Shin-Jyutsu-Praktikerinnen online begegnen kann. Nun setze ich mich einmal im Monat vor meinen Laptop, freue mich, all die freundlichen Gesichter wieder zu sehen, plaudere ein bisschen und übe mit meinen Kolleginnen. Das tut gut.

Einsamkeit, scheint mir, ist fast noch schlimmer als das Virus. Deshalb ist es wirklich wunderbar, dass sich die virtuellen Zimmer unglaublich vermehrt haben. Meiner Jin-Shin-Jyutsu-Passion (einer aus Asien stammenden, körperenergetischen "Strömungslehre") gehe ich auch mit Angeboten aus Deutschland und den USA nach. In den einzelnen Räumen sind 100 bis 1.000 Leute dabei.

Ein ganz spezielles Zimmer, das ich schon seit dem Sommer regelmäßig aufsuche, bietet eine turnerisch-sportliche Anleitung zu etwas, das sich Taijiball nennt. In einer Lockdown-Pause hatte mir Doris einmal vorgeführt, was ich darunter verstehen soll. Höflichkeitshalber öffnete ich den Link zu dem Sportzimmer, und seither bin ich jeden Morgen dabei: Mit Doris und Ivo, den beiden Zhineng-Qigong-Lehrern und Mitturnern aus Deutschland und Österreich, stehe im Finsteren auf, ziehe meine Gymnastikhose an, befülle eine Glasschüssel mit Wasser, bis sie 1.570 Gramm wiegt, und dann stelle ich mich vor dem Laptop auf und ziehe mit meiner dienstältesten Salatschüssel in einer Hand Kreise durch die Luft - und damit durchs Universum. Am Anfang hatte ich nur einen Apfel in der Hand. Jetzt sieht es so aus, als ob ich mich doch noch auf 1,8 Kilo steigern würde. Die Schüssel war bisweilen in arger Sturzgefahr und das Wasser schwappte gefährlich. Doch bisher ist alles gut gegangen.

Bemerkenswert ist, dass Virtualität nicht gleich Virtualität zu sein scheint. Man könnte sich auch einen Film mit Doris und Ivo anschauen und den Taijiball dann angehen, wenn es wenigstens schon hell wäre. Aber das geht nicht! Denn es ist nicht dasselbe. Es gibt offenbar Abstufungen der Virtualität. Meine Konzentration auf das, was ich sehe und höre, ist stärker, wenn es live passiert und Doris und Ivo zeitgleich mit mir, langsam wie Stabheuschrecken, ihre Kreise ziehen. Dass ich weiß, sie üben im selben Moment wie ich, verändert meine Wahrnehmung. Ihr elegant verhaltener Schwung reißt mich sozusagen mit.