Das Verb impfen kann man ohne viel Überlegen zum Wort der Woche erklären. Kein anderes ist so frequent, das gilt auch für das Abstraktum Impfung und Komposita wie Impfstrategie, Impfpass, Impfzwang, Impfskeptiker, Impfverweigerer etc. Der Vorgang des Impfens wird in vielen Sprachen mit einem Wort umschrieben, das auf lateinisch vacca zurückgeht. Im Detail liest sich die Etymologie so: lateinisch vaccinus, von Kühen stammend, zu vacca, die Kuh. Als Kinder lernten wir das französische Wort mit einem Spruch: Le buf - der Ochs, la vache - die Kuh, fermez la porte - die Tür mach zu!

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Zurück zur Wortgeschichte. Im Jahr 1798 fand der britische Arzt Edward Jenner heraus, dass eine Impfung mit dem Kuhpockenvirus gegen das "echte" Pockenvirus immunisiert. Ihm verdanken wir den Ausdruck Vakzin. Mit Vakzinieren ist auch heute noch die Pockenimpfung gemeint.

In anderen Sprachen wird das Wort generell für impfen verwendet. Neben englisch to vaccinate taucht es in so gut wie allen romanischen Sprachen auf, in leicht abgewandelter Form: italienisch vaccinare, französisch vacciner, spanisch vacunar, portugiesisch vacinar, rumänisch vaccina. Sogar in den meisten nordgermanischen, also skandinavischen Sprachen ist Jenners Sprachschöpfung präsent: dänisch vaccinere, norwegisch vaksinere, schwedisch vaccinera.

Unser Wort impfen stammt interessanterweise aus dem Wein- und Gartenbau, es gelangte erst im 18. Jahrhundert in die Medizin. Noch im Mittelhochdeutschen bedeutet impfeten, inpfeten und impfen so viel wie okulieren. Das althochdeutsche impfon, impiton geht auf mittellateinisch imputare zurück - das ist eine Lehnübersetzung von griechisch emphyteúein mit der Bedeutung pfropfen, veredeln.

Wenn wir zur Impfung gehen, dann lassen wir also unseren Körper dem ursprünglichen Wortsinn nach veredeln.

In den slawischen Sprachen ist der Wortstamm der lateinischen Kuh nur vereinzelt anzutreffen, zum Beispiel in serbisch vakcinisati und in russisch vakcinirovat’. Sonst wird auch dort ein Wortstamm verwendet, der auf pfropfen zurückgeht. Polnisch szczep bedeutet aufgepfropfter Spross, veredelter Baum, davon wurde ein Verb abgeleitet: szczepić. Dieselbe Wurzel haben kroatisch cijepiti und slowenisch cepiti. Im Tschechischen und Slowakischen sagt man očkovat, das kommt von Keim bzw. Keimen, auch dort wurde an das Aufpropfen gedacht. Das Russische kennt neben vakcinirovat’ auch privivat’ - schon wieder pfropfen.

In den letzten Tagen sind ungewohnte fachsprachliche Ausdrücke in den Medien aufgetaucht: verimpfen ist so eines. Das klingt nach vertun, verpatzen etc., gemeint ist aber: den Impfstoff aufbrauchen.

Noch schlimmer ist das Wort Impfling - es taucht bereits in Formularen auf. Gemeint ist "der gerade zu Impfende" oder "der Geimpfte". Es erinnert mich an Ausdrücke wie Hundling, Feigling, Trenzerling, womit ich dem Suffix aber unrecht tu: Es gibt auch den Liebling, den Schmetterling und andere freundlich klingende Wörter.

Ich lasse mich im April oder im Mai sicher impfen, aber ich will kein Impfling sein. Da ginge mir das Geimpfte auf.