Ich war gerade in der Apotheke. Um - und, ja, das ist eine wahre Geschichte! - meiner Katze Medizin zu kaufen. Sie leidet seit ihrer Geburt an allergischen Unverträglichkeiten und darf nur spezielles Trockenfutter fressen. Aber danke der Nachfrage, es geht ihr gut. Auch, weil sie - wie vom Tierarzt verschrieben - regelmäßig ein Cortison-hältiges Medikament verabreicht bekommt. Für Veterinärmediziner: Prednisolon Nycomed fünf Milligramm. Das Präparat gibt es auch, in zumeist deutlich höherer Dosierung, für Menschen. Und es ist rezeptpflichtig. Insofern war ich gar nicht erstaunt, als mich die Apothekerin darauf hinwies, dass ich eine Bestätigung des Arztes vorlegen müsse. Auch meine durchaus glaubwürdig vorgebrachte Anmerkung, ich bräuchte die Tabletten nur für meine Katze und sie bekäme

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
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sie anstandslos seit ihrer Geburt, half nicht weiter.

Dann kam ich aber doch ins Staunen. Denn mein Vorschlag, den Veterinärmediziner doch stante pede anzurufen, wurde abschlägig beschieden. Er möge doch bitte ein Rezept faxen! Ich geriet ins Stammeln. Sorry, mein letztes Faxgerät hatte ich um die Jahrtausendwende in Betrieb. Selbst in meinem Büro gäbe es so etwas nicht mehr, argumentierte ich, und zwar schon sehr lange. Aber ich merkte rasch: Das war ganz allein mein Problem. Dass der Corona-bedingte Lockdown verhinderte, das Dokument in Papierform persönlich vom Arzt abzuholen, war offensichtlich. Nun, insistierte die Apothekerin, der Herr Doktor könne ihr die Bestätigung ja auch direkt faxen. Sie überreichte mir einen Zettel, auf dem die erforderlichen Daten vermerkt waren. Es waren Telefon- und Fax-Anschluss angegeben, eine E-Mail-Adresse dagegen nicht. Von einer Web-URL ganz zu schweigen. Schöne Grüße auch.

Nun mag derlei anno 2020 erstaunlich sein, lästig oder gar ärgerlich. Doch es geht nicht um Leben oder Tod. Oder? Ich erzähle Ihnen diese Episode aus dem Alltagsleben, weil sie Symbolkraft besitzt. Zumal in Zeiten einer grassierenden Pandemie. Es ist gerade viel die Rede von Impfpässen. Man wird sie brauchen - persönlich, im Umgang mit Kontrolleuren (Polizei und/oder Gastwirte etwa, da tobt noch ein bedrückender Streit) und Behörden, erst recht im Fall einer Erkrankung. Wäre doch probat und zeitgemäß, ja geradezu fortschrittlich, hier gleich auf die digitale Welt des 21. Jahrhunderts zu setzen! Leider ist der Konjunktiv die österreichische Realität.

Neulich stieß ich hier, in der "Wiener Zeitung", auf einen Kommentar des Gesundheitsökonomen Ernest Pichlbauer ("E-Impfpass kommt früher - er könnte längst da sein"). Nachlesen! Bei der Lektüre geht einem sprichwörtlich das Geimpfte auf. Im April 2008 (!) wurde in einem Pressegespräch die baldige Einführung des elektronischen Dokuments angekündigt. Passiert ist, erraten!, wenig bis nichts. Jetzt freilich schwören Politik und Krankenkassen auf Systembeschleunigung. "Es musste also erst eine Pandemie kommen", so Pichlbauer, "damit tatsächlich etwas weitergeht." Sollte der elektronische Impfpass Ende 2021 immer noch eine Schimäre sein, schicken Sie doch bitte ein Fax an den Weihnachtsmann.