Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts - also auch schon wieder ein Weilchen her - erstand ich als junger Medienmacher ein gewichtiges, weil umfangreiches Buch. Sein Autor, Peter Muzik, war langjähriger Publizist (auch für die "Wiener Zeitung"), Chefredakteur und Lehrbeauftragter, ein Mann mit Reputation also. Das Werk mit dem Titel "Die Medienmultis" versprach Einblicke und Hintergründe, etwa zur "Revolution in der TV-Branche", zum "Umbruch am Werbemarkt", zur "Strategie der Giganten" und so weiter und so fort. Was informierte Bracheninsider - und solche, die sich dafür halten - halt gern so erfahren würden.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Nun: Ich habe das Buch leider nicht mehr zur Hand, aber ich weiß noch, dass ich das Opus magnum zunehmend ungläubig und kopfschüttelnd durchblätterte. Man erfuhr allerhand, aber ein Stichwort fehlte. Und zwar komplett. Es war förmlich inexistent: das Internet. Jenes jäh nahende - und selbst für schwach begabte Visionäre schon greifbare - Phänomen, das die Medienbranche tatsächlich auf den Kopf stellen sollte. Und das innerhalb weniger Jahre. Radikal.

Was also eventuell als zukünftiges Standardwerk für Publizistikstudenten und angehende Medienmanager gedacht war, wurde ebenso rasch zur Makulatur. Professor Muzik konnte da wenig dafür, er war in seinem Denken und Ahnen ganz der Generation seiner Printkollegen verhaftet. Und von sinnbildlichen "Schwarzen Schwänen" - also singulären, disruptiven, nicht klar vorhersagbaren Ereignissen und Faktoren - war damals noch nicht die Rede. Gerade lese ich ein Buch über die Verwerfungen auf den globalen Finanzmärkten, erschienen im Spätherbst 2019; es krankt am selben Syndrom. Wenige Monate später veränderte eine Pandemie alles.

Was ich damit sagen will: Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. (Ich hoffe, dass die Zeiten, als man von den Erben Karl Valentins wegen eines Zitats geklagt wurde, vorbei sind.) Und höchstbezahlte Manager verschlafen ja nicht selten ihre eigene Frühpensionierung, während ringsum die Revolution (nein, eher: eine rasende Form der Evolution) losbricht. Nicht nur in den Chefetagen der Zeitungen, keine Frage. Die Musikbranche zum Beispiel war die Vorhut der Digitalisierung ihres Geschäftsmodells, ich kann ein Lied davon singen.

Jedenfalls fiel mir das legendäre Pech des Buchautors Muzik ein, als ich eine aktuelle Serie des "Standard"-Medienressorts studierte, in der es einmal mehr um die Zukunft ging: die "Etat-Prognose 2021", ein Art Neujahrswunschkonzert in der Blase eine bisweilen grell erhellende, gelegentlich auch leise ermüdende Lektüre. Medienjournalismus ist in diesem kleinen Land ja leider immer auch eine Form von Society-Berichterstattung, Polit-Scharwenzelei und Bewerbungsschreiben - und Kaffeesudleserei in unsicheren Zeiten ein sicherer Quotenbringer.

Ein Gedanke aber, geäußert in diesem Forum, erschien mir so nachdenkwürdig, dass ich ihn mir notiert habe. Und hiermit nochmals wiedergebe: "Fast alles, was zu befürchten war, ist 2020 bereits eingetreten." Mir schwant allerdings: Sein Urheber - der Name tut hier nichts zur Sache - liegt falsch. You ain’t seen nothin’ yet.