Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

In diesem Jahr ist es kompliziert: Rückblicke reichen nicht aus, abgesehen davon, dass sie nerven, weil wir ja dabei waren und es sowieso besser wissen. Nun aber ist es zudem noch notwendig, Rückblicke auf die Vorausblicke zu werfen, die in großer Zahl ab März 2020 getätigt wurden und gleich zu Beginn der Corona-Pandemie zahllose Szenarien zur Zeit nach Corona entwarfen.

Komplizierter wurde es dadurch, dass wir in diesen Rückblicken auch noch auf fiktive Rückblicke reagieren müssen, die bereits im März einen Vorausblick auf den Rückblick aus der Sicht der Nach-Corona-Zeit im September gaben (oder so). Um es mit einem der umtriebigsten Zukunftsdeuter auszudrücken: auf "Regnosen", eine Art Gegenmodell zu "Prognosen", im Grunde aber nichts anderes als eine vereinfachte Neuauflage eines der Instrumente amerikanischer Foresight-Research, das sich "backcasting" nennt und aus der Zukunft auf die Gegenwart blickt. Damit sollen dann Szenarien begründet werden. So was haben Medien ja sehr gern.

Dass es in der Mehrzahl vier waren, hat einen einfachen, wenngleich kaum sachlichen Grund: Es gibt ja nur vier Buchstaben im Alphabet, die wie statistische Szenarien mit anfänglich negativer Entwicklung aussehen, das L, abwärtsdeutend und dann auf niedrigem Niveau verharrend, das ab- und dann allmählich wieder aufstrebende U, das rasanter nach dem Abwärtstrend wieder aufstrebende V und das diese Bewegung doppelt anzeigende W.

Die Szenarien gruppierten sich also mit den Worten der ScMI AG für Zukunftsgestaltung und Strategische Unternehmensführung (die allerdings auf Buchstaben verzichtete und als Distinktionsgewinn gleich acht Szenarien entwarf) auf ein Kontinuum von den "Goldenen Zwanzigern bis zum totalen Zerfall". Es handelte sich also nicht um Prognosen, sondern um klassische Tautologien: Wenn es auf die eine Weise nicht kommt, dann kommt es eben anders.

Auch das mit der Regnose bot keine Lösung, obwohl sie von ihrem Erfinder dazu gedacht war, "eine Erkenntnis-Schleife [zu] bilden, in der wir uns selbst und den inneren Wandel in die Zukunftsrechnung einbeziehen, wodurch eine Brücke zwischen Heute und Morgen entsteht". Mit dieser Schleife wurde aber nur so ziemlich alles zusammengebunden, was den Trendmarkt ausmacht - neue Besonnenheit, Cocooning, McLiving und Hygge-Work im Homeoffice.

Wiewohl semantisch geschulte Kritiker anmerken könnten, dass das Gegenmodell zur Prognose eigentlich die Contra- oder Antignose sei. Aber das ergibt ebenso wenig Sinn. Vielleicht sollte man daher in den Rückblicken in Anlehnung an einen Begriff, der vor Urzeiten in der Berggasse 19 erdacht wurde, Agnosie (Unvermögen, trotz Sehvermögens Dinge klar zu benennen), den Terminus Agnose einführen. Das würde die Diagnose dieser Rückblicke signifikant vereinfachen.