Wenn zwei Dinge gleichzeitig passieren, denkt man an eine Parallelaktion, auch wenn es gar keine sein kann. Mir ist es so ergangen, als ich im "Profil" einen längeren Beitrag von Tarek Leitner über das Gendern im Fernsehen las - und fast gleichzeitig ein Mail des Dortmunder "Vereins für deutsche Sprache" hereinkam: Ich möge eine Petition gegen den "Duden" unterschreiben.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Tarek Leitner ist ein souveräner und sympathischer ZiB-Moderator. Er ist in die Fußstapfen von Horst Friedrich Mayer und Josef Broukal getreten, und diese waren groß. Da Politiker fast aller Parteien Doppelformen verwenden - "Die Ärzte und Ärztinnen kämpfen gegen das Corona-Virus" -, fragen sich die Moderatoren, ob sie mitmachen sollen. Tun sie es nicht, werden sie in Protestbriefen zu den Ewiggestrigen gezählt, tun sie es doch, wirft man ihnen vor, dass Doppelformen unnötig sind und dem Sprachempfinden widersprechen. Tarek Leitner hat sogar versucht, das Binnen-I auszusprechen, mit dem Knacklaut: Ärzti-innen. Wo der Trennstrich steht, muss der Kehlkopf seine Arbeit tun. Jetzt musste er sich mit der Frage auseinandersetzen, ob er während der Moderation Schluckauf bekam. Wie du es machst, ist es falsch.

Vielleicht hat sich das auch die Leiterin der Duden-Redaktion gedacht, als sie entschieden hat, dass in der Onlineversion, also auf duden.de, neben den männlichen Formen auch die weiblichen mit gleichwertigen Erklärungen angeführt werden. Während früher "Mieter" sowohl eine Frau als auch ein Mann sein konnte und eine "Mieterin" nur eine Frau war, sah die Sache nun anders aus: "Mieter: männliche Person, die etwas gemietet hat"; "Mieterin: weibliche Person, die etwas gemietet hat". Kathrin Kunkel-Razum begründete dies gegenüber dem "Deutschlandfunk" mit einem Beispielsatz: "Im Herbst sind 64 Millionen Bürger wahlberechtigt." Man müsse wissen, wie viele Einwohner Deutschland hat, um zu erkennen, ob 64 Millionen Männer gemeint sind oder 32 Millionen Frauen und 32 Millionen Männer. Für wie dumm hält sie die Deutschen?

Ihrer zweiten Argumentationslinie kann ich etwas abgewinnen. "Ich gehe zum Bäcker" bedeutet "die Bäckerei" - also eine Einrichtung. Wenn ich sage "Mein Bäcker war heute unfreundlich", dann meine ich eine Einzelperson, und zwar einen Mann, keine Frau.

Für Frau Kunkel-Razum ist eine Systemänderung nur in der Internetversion sinnvoll, weil dort "der Mieter" und "die Mieterin" auf verschiedenen Seiten stehen. Bisher gab es einen Verweis von "die Mieterin" zu "der Mieter" und nur dort stand die Bedeutung. Der "Rechtschreib-Duden" ist jedoch kein Bedeutungswörterbuch, weshalb dort eine Umstellung nicht angedacht ist. Im "Universalwörterbuch" des Duden wird eine Reform am Platzproblem scheitern.

Viel Aufwand um nichts - es müssen 24.000 Wörter umgeschrieben werden - und es entsteht eine ungute Signalwirkung. Der Duden sollte nicht Sprachpolitik betreiben, sondern den tatsächlichen Sprachgebrauch berücksichtigen. Nie im Leben würde ich sagen: "Die Apothekerinnen und Apotheker bestehen gerade eine Bewährungsprobe." Ich werde unterschreiben.