Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Corona treibt bekanntlich seltsame Blüten. Das Denunziantentum etwa feiert fröhliche Urständ’, was ich jüngst im Münchner Umland zu spüren bekam. Ich war dort mit einem Leihwagen mit Autokennzeichen der Hansestadt Hamburg unterwegs (HH) und wurde prompt von einem Passanten angesprochen. Er war ob seiner Trachtenjacke und des Gamsbarts am Hut als eingefleischter Einheimischer zu erkennen und fragte mich mit strengem Blick, was ich als "Saupreiß" denn in Corona-Zeiten hier in seinem schönen Landkreis zu suchen hätte.

Ich verwies darauf, dass Tagesausflüge nicht verboten seien, und im Übrigen sei ich nicht den weiten Weg aus dem Norden gekommen, um mich von ihm beschimpfen zu lassen. Außerdem seien die Inzidenzwerte in der Hansestadt um ein Vielfaches niedriger als hier in Oberbayern, weshalb er lieber meinen Mut bewundern als mich dumm anreden solle. Und außerdem würde ich hier die coronaadäquateste Form des Zeitvertreibs pflegen, nämlich das Spazierengehen allein an der frischen Luft - also Social Distancing samt Stärkung des Immunsystems. Ich schob noch ein urbayerisches "Host mi?" hinterher und ließ den reichlich verblüfften bajuwarischen Blockwart einfach stehen.

Ich bin schon immer gern spazieren gegangen, und seit Corona betreibe ich diese Form der Bewegung noch viel intensiver - so wie viele andere, was das Abstandhalten in manchen städtischen Grünanlagen zu einer mühseligen Angelegenheit macht. Daher bleibt nur die Verlegung aufs Land oder in die Nachtstunden. Nach 21 Uhr begegnet man niemandem mehr, denn dann herrscht allgemeine Ausgangssperre - aber nicht für mich! Ich habe nämlich einen "triftigen Grund" gefunden, der es mir erlaubt, trotzdem vor die Tür zu gehen: "Handlungen zur Versorgung von Tieren".

Gemeint ist damit natürlich in erster Linie das Gassigehen mit dem Hund. Da ich keinen solchen besitze, richtet sich meine Sorge auf andere Tiere. Und so habe ich beim nächtlichen Spaziergang immer einen Rucksack dabei, in dem sich Meisenknödel und verschiedene Kerne befinden, um damit die armen Vögel in den Münchner Parks zu versorgen. Manchmal habe ich auch reichlich Haselnüsse eingesteckt für die Eichhörnchen, mitunter Katzenfutter und hartgekochte Eier für die hungernden Igel (ja, das wird tatsächlich von Fachleuten empfohlen!). Der Polizei musste ich die Triftigkeit meiner Gründe bisher noch nicht erläutern, dafür aber einigen Hundebesitzern, die mich in denunziatorischer Absicht der Straße verweisen wollten.

Fröhlich präsentiere ich ihnen dann meine Vorräte und ziehe mit einem freundlichen "Da schaust, gell?" von dannen.