Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Es war an einem Vormittag kurz vor Weihnachten in einem kleinen Park. Eine Frau mittleren Alters hielt ein riesiges Papierstanitzel in der Hand und streute mit weit ausholenden Armbewegungen Brotstücke auf den Rasen wie Fortuna aus dem Füllhorn. Es hatten sich bereits Scharen von Tauben und Krähen eingefunden, die eifrig am Aufpicken waren.

Eine andere Frau, die ein paar Schritte weiter stand, verwies Fortuna ihr Tun. Die ließ sich davon jedoch nicht abhalten und holte aus ihrer Manteltasche ein beschriebenes DIN-A4-Blatt, sorgfältig in eine durchsichtige Plastikfolie eingepackt, und erklärte ihrer Kontrahentin, dies sei ein Schreiben von Herrn X., in dem er ihr das Recht bescheinige, Vögel auf öffentlichen Plätzen zu füttern (den Namen des Rechtsbeistands verschweigen wir hier aus Gründen der Diskretion). Das Gutachten selbst hätte mich allerdings interessiert, erinnerte ich mich doch an Schilder, die früher in Parks standen und ein Zwitterwesen mit dem Körper einer Taube und dem Kopf einer Ratte zeigten, dazu der Text "Wer Tauben füttert, füttert Ratten" samt Strafandrohung über 36 Euro.

Die beiden waren im schönsten Wortgefecht, als ein kleiner Kehrwagen herankam und in einiger Entfernung stehenblieb. Ein Mann in Orange stieg ab und kam näher. Die Tierfreundin stürmte auf ihn zu und forderte mit Hinweis auf Herrn X. ihr Recht ein. Was nun folgte, war juristische Belehrung vom Feinsten. Zunächst zum Thema Corona-Regeln. "Halten’s an Abstand ein, Sie tragen ka Maske." Er übrigens auch nicht. Mit dem Füttern von Vögeln im öffentlichen Raum verhalte es sich folgendermaßen: Dieses sei erlaubt, sofern die Tiere das Futter innerhalb kurzer Zeit aufpickten. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass die Essensreste von Ratten verzehrt würden, was zu deren Vermehrung führe.vAllerdings sei es nicht gestattet, das Futter auf einer Rasenfläche auszubringen, da hierdurch das Gras von den Vögeln niedergetreten und somit ernsthaft in seinem Bestand gefährdet werde.

"Schauen Sie sich den Rasen an, wie der bereits ausschaut!" In der Tat war dort, wo die bereits entfleuchten Tauben und Krähen getafelt hatten, eine kahle Fläche zu sehen. "Aber ich darf ja nicht auf dem Weg streuen, weil das ein Gehsteig ist", erwiderte Fortuna. Hier hatte Herr X. anscheinend nicht genau genug recherchiert. "Ein asphaltierter Weg eines Parks zählt nicht als Gehsteig, lassen’s mich ausreden, daher können Sie hier Futter streuen." Natürlich unter der Maßgabe, dass dieses innerhalb kurzer Zeit ... etc.

Es entspann sich eine fruchtlose Abfolge von "Ich habe Ihnen bereits erklärt" und "Aber ich habe hier ein Schreiben", die der Mann in Orange schließlich dadurch beendete, dass er sich umdrehte und wieder sein Wägelchen aufsuchte. Gut so. Weihnachten stand vor der Tür, und vielleicht waren die Tauben und Krähen - Rasen hin, Gehsteig her - die einzigen Freunde Fortunas.