Vor zwei Tagen habe ich auf jenem sozialen Netz, dessen Name sich mit Gezwitscher ins Deutsche übersetzen lässt, eine Nachricht des Gesundheitsministers Rudolf Anschober gefunden: "Großartige Neuigkeiten an diesem Wochenende, denn wir haben einen ersten Meilenstein geschafft. Es wurde in Österreich die 100.00ste Dose des Covid-Vakzins verabreicht." Kurz darauf kam in einem weiteren Tweet eine Korrektur: "Es ist natürlich die 100.000ste Dose. Vielen Dank für den Hinweis."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Damit nicht genug: Ein Zwitscherer mit dem Namen "LeSchakal" meinte: "Der Singular von Dosen ist in diesem Fall Dosis! Ich glaube, du verstehst nicht einmal ansatzweise, wovon du sprichst." Illustriert wird der Tweet mit einer Konservendose, rot durchgestrichen.

Ich halte den Tonfall des Schakals für befremdlich, denn deswegen dem Minister jegliche Kompetenz abzusprechen, ist leicht übertrieben. Auch die Anrede mit "du" missfällt mir. Aber hat der Schakal recht?

Es gibt zwei Wörter mit dem Plural "Dosen". Das eine ist "die Dosis", in unserem Fall eine Impfstoffeinheit. Daneben gibt es "die Dose", als Beispiel kann "die Konservendose" herhalten. Die Mehrzahl lautet in beiden Fällen "die Dosen". Aus sprachlicher Sicht besteht hier kein Zweifel.

Der Fehler kommt dadurch zustande, dass das Wort "Impfdosis" meist in der Mehrzahl verwendet wird. Die rückgebildete Einzahl "Dose" statt "Dosis" ist eine Fehlleistung. Dabei passt das Einzahlwort auch inhaltlich nicht, denn der Impfstoff wird nicht in Dosen angeliefert, sondern in Ampullen. Aus diesen Fläschchen werden fünf Impfdosen aufgezogen. Beckmesser könnten die Frage aufwerfen, ob Anschober Ampullen gemeint hat und ob die Zahl hunderttausend nicht durch fünf zu dividieren wäre.

Der Tweet ist aber auch aus anderen Gründen merkwürdig. Phrasen wie "großartige Neuigkeit" und "Meilenstein" klingen nach Donald Trump. Enervierend ist auch der Versuch, mit absoluten Zahlen Eindruck zu schinden. Vergleicht man Österreich mit anderen Ländern, und zwar in Relation zur jeweiligen Einwohnerzahl, so sind wir alles andere als großartig. Viele EU-Länder waren fleißiger. Auf diesen Umstand wurde im anschließenden Shitstorm wiederholt hingewiesen.

Die Irreführung mit absoluten Zahlen ist heute gang und gäbe. In manchen Boulevardzeitungen findet man täglich Bundesländervergleiche - mit den Zahlen der Getesteten, der Infizierten und der Toten - gemeint sind übrigens Menschen, die "an dem Virus" oder "mit dem Virus" verstorben sind. Um diese Tabellen beurteilen zu können, müsste man jeweils die absolute Zahl zur Einwohnerzahl des Bundeslandes in Relation setzen. Gleiches gilt für die kolportierten Corona-Zahlen einzelner Staaten, wobei unterschiedliche Zählmethoden noch zusätzlich verzerrend wirken.

Die von Anschober genannte absolute Zahl der Geimpften sieht im Vergleich mit anderen Ländern wenig beeindruckend aus: In Österreich sind nur 1,14 je hundert Personen geimpft, in Spanien 1,64, in Italien 1,91 und in Dänemark gar 2,88. Das hat die Universität Oxford recherchiert. Wir sind alles andere als großartig.