"extra"-Ressortleiter und Krimi-Leser und -Seher Gerald Schmickl.
"extra"-Ressortleiter und Krimi-Leser und -Seher Gerald Schmickl.

Vor knapp einem Jahr, zu Beginn der Pandemie, habe ich in einem längeren Text die Vermutung geäußert, dass aufgrund der anfänglich hohen, durch Covid-19 verursachten Todesraten (vor allem in Oberitalien) das "unterhaltsame Sterben", wie wir es aus unzähligen TV-Krimis kennen, deutlich dezimiert werden wird. Wenn der Tod einmal real buchstäblich vor der Haustür stehe, brauche man - so verkündete ich kühn - ihn sich nicht als gruseliges Schreckgespenst durch die fiktive Hintertür hereinholen.

Falscher hätte ich mit dieser Prognose nicht liegen können. Das Angebot wurde deutlich erhöht, wie ein Blick in beliebige Programmzeitschriften zeigt. Abend für Abend - aber auch tagsüber - werden die Toten auf zahllose (TV-)Kanäle verteilt: Man findet sie - meist schon im Titel - am Bodensee genauso wie im Spreewald, in Genua und Lissabon, im Wien der Freud-Zeit, im Köln der Gegenwart und in praktisch jedem Landstrich und Heuhaufen. Und auch aus kulinarisch Deftigem wie Dampfnudeln, Sauerkraut, Leberkäs oder Winterkartoffelknödeln trieft oder spritzt, sticht man einmal kräftiger hinein, fernsehtaugliches Kunstblut. Es ist eine Pandemie ganz eigener Art, die mit ihren künstlich erschaffenen Todesraten - kratzt man alle aktuellen Krimi-Angebote und Wiederholungen zusammen - wohl an die realen heranreichen wird. (Aber wer möchte das schon zählen!?)

Die Verwunderung über das medial inszenierte Massensterben hält sich indes sofort in Grenzen, wenn man den Spieß - Verzeihung! - umdreht: Es geht "in Wirklichkeit" nicht ums Sterben, sondern ums Überleben. Denn genau das ist ja die tiefere Botschaft nahezu aller Kriminalfilme und -serien: Sie gehen zumeist gut aus. Ja, es wird gestorben, aber die Schuldigen werden überführt, und die Ordnung wird wiederhergestellt. Der deutsche Schauspieler Christian Berkel, der selbst in vielen Krimiserien auftritt (und Romane schreibt), bringt die spezifische "Krimi-Mentalität" der Zuseher auf den Punkt: "Wir lieben es, im geschützten Rahmen dem Chaos zu begegnen und zu erleben, wie es wieder in Ordnung gebracht wird. So etwas befriedigt uns Deutsche, glaube ich, noch mehr als andere Nationen."

Das mag ansonsten zutreffen, jetzt, inmitten der Pandemie, gilt es wohl überall gleichermaßen. Es ist ein psychologisches Hygiene-Ritual, das wir mittels fiktiver Dramaturgien vollziehen, sozusagen Händewaschen auf seelischer Ebene. Je öfter, desto besser. Da wir uns in der Realität trotz aller Licht-am-Ende-des-Tunnels-Versprechungen keineswegs sicher sein können, dass es für uns wirklich gut ausgeht, muss die grassierende Angst irgendwo anders gebannt werden. Und das gelingt in der durchschnittlichen TV-Krimi-Welt für ein, zwei Stunden auf so verlässliche wie wiederholbare Weise.

Allerdings werden fiktive Pistolen und Messer TV-ikonografisch nun immer öfter durch reale Spritzen ersetzt. Man wird - wie "Zeit"-Autor Peter Kümmel vorrechnet - "zehntausend Impfungen im TV sehen, ehe wir möglicherweise selbst geimpft werden".