Was machen Sie so in Tagen wie diesen? Eventuell ist es - eingedenk der Verzweiflung, in die Corona gerade manche Mitmenschen aus gesundheitlichen, wirtschaftlichen oder mentalen Gründen treibt - obszön, auch positive Aspekte des Lockdowns herauszustreichen. Aber sie existieren. Man lernt z.B., Kommunikation wieder als essenzielles Lebens- und Überlebensmittel wahrzunehmen. Egal, ob es nur ein Schwatz unter Freunden ist ("Die Wikinger-Serie auf Netflix ist schon arg brutal, oder?") oder eine tiefergehende Diskussion.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

So ging es mir auch im Fall Clubhouse. Es handelt sich dabei um die neueste Sau, die durch das Social-Media-Dorf getrieben wird - eine Hör-Bassena, die via Internet Gespräche in virtuellen Räumen ermöglicht. Sie stellt Wittgenstein auf den Kopf: Wovon man sprechen kann, darüber muss man nicht schweigen. Ja und?, höre ich Sie flüstern. Sie könnten die Frage freilich via Clubhouse-App vor größerem Publikum stellen, bei entsprechender Prominenz möglicherweise vor Tausenden, die an Ihren Lippen hängen. Oder im Gegensatz dazu Separées einrichten, wo Intimes wie auch obskure Nischenthemen einem kleinen Kreis vorbehalten bleiben. Damit hat auch der erste Clubhouse-Witz zu tun, der mir zu Ohren kam: Wenn sich zwei Mitglieder kurzschließen, ließe sich das glatt mit der alten Kulturtechnik des Telefonierens verwechseln.

Voraussetzung ist ein Apple iPhone, denn Clubhouse für Android existiert (noch) nicht. Auch das führte zu Aufregung. Und Aufregung ist bekanntlich der mediale Brennstoff par excellence.

Den Investoren gelang es jedenfalls wie am Reißbrett, für Publicity zu sorgen - einerseits durch eine künstliche Verknappung des Angebots (die Einladung erfolgt nur persönlich), anderseits durch das bekannte "Fear of Missing Out"-Prinzip, also die Angst, irgendetwas zu verpassen. Und sei es nur etwas, dessen Verpassen man zur bewussten, schicksalshaften Entsagung verklären hätte können.

Gemäß dem Leitsatz von Groucho Marx: "Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt", trat ich also kurzentschlossen bei. So viel ist gewiss: Es reiht sich Bierhalle an Bier-
halle, es wird wild durcheinander gequatscht, es gibt wenig zu hören, das man nicht schon gehört hätte. Man freut sich eventuell über ein weiteres Digitalspielzeug (insbesondere
in latent einsamen Phasen
wie dieser), aber geht nicht
mehr so arg naiv an die Sache heran wie einst bei Facebook
& Co.

Ist es "nur" ein weiterer Anlauf, unser aller Gehirnzellen anzuzapfen und damit Gratis-Content en masse zu monetarisieren? Wird Clubhouse Talk Radio killen? Oder handelt es sich gar um einen hinterhältigen Feldversuch, millionenfach Stimmanalysen und Sprachmuster als Ernte in den Big-Data-Speicher einzufahren?

Wie immer auch: Die essenziellen Gespräche werden weiterhin in kleinen Privatclubs hinter verschlossenen Türen geführt werden. Ohne Publikum.