Viel wurde letzte Woche aus Anlass des Ablebens von Arik Brauer über dessen Rolle als Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus geschrieben. Hier soll es um eine andere Facette des Multitalents gehen: Arik Bauer war mit seinen Liedern ein bedeutender Mundartdichter, außerdem hat er einige bemerkenswerte Bücher vorgelegt, die seine Kenntnisse des Wienerischen beweisen und bei Amalthea erschienen sind.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Das bekannteste Lied ist von bleibender Aktualität, leider. "Sein Köpferl im Sand" erzählt von einem dumpfen Kleinbürger. Er hat "a klanes Häusl in der greanen Au, an guten Posten und a dicke süße Frau". Vor allem Unbill in der Welt verschließt er die Augen - er will von Polizei-Terror, Hungersnöten und den Verheerungen kriegerischer Auseinandersetzungen nichts wissen. Er sagt sich: "Mir gehts guat, auf de aundan hau i in Huat drauf."

Dem folgt der grandiose Refrain, beginnend mit jenem Auszählreim, den beim Versteckenspielen der Suchende mit verschlossenen Augen herunterratscht: "Hinter meiner, vurder meiner, links, rechts güts nix, / ober meiner, unter meiner siech i nix. / Gspür nix, hear nix und i riach nix, / denk i nix und red i nix und tu r i nix ..."

In dem Lied "Warum ist er so dumm" schildert Brauer, wie ein junger Mensch in der Familie, in der Schule und im Präsenzdienst demoliert wird: "Gfüttert, verpatzt, karniefelt, zerbrochen der arme Bua". Das erinnert an "Another Brick in the Wall" von Pink Floyd.

In "Rostiger, die Feuerwehr kummt" wird geschildert, wie ein bebrillter Rothaariger von seinen Mitschülern verprügelt, gehänselt und verhöhnt wird. In der Einleitung sagt Arik Brauer: "Ich war der Allerärgste von allen. Und heut tut mir das ja so leid." Brauers Selbstkritik ist ehrenhaft, was er schildert, ist Realität. Toleranz gegenüber Andersartigen ist nicht angeboren, sie muss erlernt werden. Der heute in einem Popsong zu hörende Slogan "Kinder an die Macht" ist eine gefährliche Drohung.

Aber Arik Brauer war nicht nur ein "beinharter Protestsänger", wie er in der Einleitung eines Liedes sagte. "Serenade" ist das Gegenstück, ein wunderschönes Liebeslied: "Glattwangade, kum zu mia! Schenk mia dei Griabal, dei Feudal beim Lachn, schenk mia beim Waana dei Soizwosserbachal ..." Griabal ist ein Grübchen, Feudal ein Fältchen.

Der gebürtige Ottakringer beherrschte das Wienerische perfekt. Das kommt auch in einigen seiner Bücher zum Ausdruck. An dieser Stelle habe ich unlängst das Buch "Wienerisch für Fortgeschrittene" empfohlen, eine wunderbare Sammlung von kurzen Essays über das Wienerische samt Worterklärungen und Zeichnungen des Künstlers. In den Buchhandlungen, die nächste Woche Gottseidank wieder öffnen dürfen, finden Sie auch "Das Alte Testament. Erzählt von Arik Brauer" - die Schöpfung, Adam und Eva, Noahs Arche usw., das alles illustriert mit Bleistiftzeichnungen. In dem leider vergriffenen Buch "A Jud und keck ano" erzählt er jüdische Witze.

Arik Brauer war offensichtlich in seinem Heimatbezirk tief verwurzelt. Auch ich bin ein gebürtiger Ottakringer, Brauers Sprache ist meine Sprache.