Ich sitze, eine Tasse Kaffee in der Hand, am ersten Satz dieser Kolumne - und mache aus meiner Ratlosigkeit kein Hehl. Gerade habe ich die Lektüre diverser Newsletter, Depeschen und Morgenzeitungen hinter mir. Zeitaufwand: etwa eine Stunde. Und doch fühle mich leicht "overnewsed but underinformed". Das liegt nicht am Bemühen unzähliger Journalistinnen und Journalisten (und schon gar nicht am Desinteresse der p. t. Konsumenten), sondern in der Natur der Sache. Wir leben in einer zunehmend komplexen Welt - und im Stakkatorhythmus werden wir mit bislang weitgehend absenten Phänomenen konfrontiert. Der Trend zum unfreiwilligen, alltagsbegleitenden Studium der Virologie, Ökonomie, Massen- und Indiviual-Psychologie, Informatik und Kommunikationswissenschaften (um nur ein paar virulente Hauptstränge zu nennen) hält an. Ich fürchte, wir bleiben dennoch Halbgebildete. Das gilt - Ausnahmen bestätigen die Regel - schmerzlicherweise auch für die Professionisten der Spiegelung des Status quo.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Es gibt ja zwei tröstliche Faktoren in diesem ganzen Tohuwabohu (die, je nach Geschmack, auch eher unbehaglich erscheinen mögen): Kein Mensch ist unsterblich, auch wenn er auf Corona-Demos vornweg marschiert oder sich schlaumeierisch vordrängelnd irgendwo eine Impfampulle organisiert. Und: Zeit ist ein ultimativ demokratisches Gut. Niemand kann sie verlangsamen oder beschleunigen. Komischerweise hab’ ich mir das zuletzt beim Studium des extrem zeitfressenden, weil nur linear live konsumierbaren Netz-Hypes Clubhouse gedacht - wer hat bloß die Muße, sich durch den Dschungel des Geschwätzes zu schlagen? Dabei war ich tags zuvor noch enthusiastisch. Und hielt in einer ersten Bilanz fest: "Hörfunk, aber nicht Radio. Talk Talk, aber keine Musik. Clubhouse, aber ohne Klubzwang und Hauspatschen. Das wird noch spannend."

Dann aber die Ernüchterung: Eine neue Plattform macht auch nur die alten Fehler. Fake News, kaum Diversität auf der Bühne, eitle Selbstbespiegelung, langwieriges Herumgeeier bei mieser Tonqualität. Bei einer launig "Medienstammtisch" betitelten Runde schien es mehr um Propaganda für Privat-TV-Oldies zu gehen als um die (tatsächlich spannende) Frage, warum die Clubhouse-App wieder einmal in den USA entwickelt wurde und nicht in Europa. Man beklagt, so scheint es, lieber die disruptive Visionskraft der Business-Ikonen Musk, Cook, Bezos, Page, Brin & Co., als selbst schärfer nachdenken zu wollen. Im engen Österreich, so die (halb)öffentliche Selbstgeißelung, existiert dafür zu wenig Kapital und Raum. Noch nie davon gehört, dass das Internet keine Grenzbalken kennt? Zumindest, was die Distribution betrifft. Für die lokalen Ideen, Inhalte und Medienpolitik müssen schon noch wir selbst sorgen.

Und weil es der kommende ORF-Webplayer war, der die Damen und Herren so beschäftigte (sie werden von diesem Mysterium noch oft lesen, nicht zuletzt hierorts): Der wird wohl auch ein Mini-Clubhouse beherbergen. Radio funktioniert weiterhin formidabel. Man muss ja nicht mehr Rundfunk dazu sagen.