Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Die Aufregung ist immer wieder groß, wenn es eine neue TV-Serie gibt. Das ist ja auch sehr schön, weil diese Angebote eine alte Tradition auf- und fortleben lassen, und dies meist mit Plots, die viele Erinnerungen wecken. Denn offensichtlich hat in dieser digitalisierten Unterhaltungsbranche ein wichtiges Gesetz ewige Geltung: Innovationen auf diesem Gebiet sind meist nichts anderes als der Versuch, mit revolutionären Mitteln alles beim Alten zu lassen.

Nur reicht eben die Erinnerung oft kaum mehr weiter zurück als bis zu den "Sopranos" oder zu "Mad Men", jenen Blaupausen aller späteren Hervorbringungen der TV-Serien-Industrie, die das Prinzip der Staffeln einführte, das heißt in vielen Fällen: der durch unablässige und oft auch lästige, weil vorhersehbare Zwischenfälle ausgewalzten Grundidee, die ein klassischer Regisseur in ein drei- oder vierstündiges Epos verpackt hätte. Aber wie gesagt, das gab es ja alles schon, in jeder Form. Gezeichnet zum Beispiel, in der Form des Story Telling, was sich früher mal Comics nannte und heute Graphic Novel heißt und deren Protagonisten ohne zu altern Jahrzehnte lang ein Abenteuer nach dem anderen bestanden wie Tim und Struppi.

Dann in der Literatur schon in den 30er Jahren das Prinzip des unverwechselbaren Ermittlers wie Arthur Upfields australischer Bony. Der hatte allerdings keine drogensüchtige Tochter oder so was in der Richtung. Die heutigen Ermittler und Ermittlerinnen haben ja meist gebrochene Biografien. Oder sie ermitteln an allerlei ausländischen Orten wie in Donna Leons Venedig, in Istanbul, Lissabon, Kroatien oder auch der Bretagne. Ist ja auch gut, wenn Schauspieler mal rauskommen, vor allem wenn dort alle deutsch sprechen und allenfalls "Commissario" sagen oder etwas landestypisch Äquivalentes.

Äußerst angenehm ist zudem, dass man als Couch-Tourist unterwegs sein kann, ohne dass komplizierte Inhalte ablenken, weil ja Venedig, die Alfama oder die Cottages und Schlösser der Rosamunde-Pilcher-Endlosserien auch schön bleiben, wenn immer wieder dasselbe passiert.

Wie gesagt, ein ganz altes Prinzip, dessen Verwirklichung (wenn ich mir ein Urteil erlauben darf) nie anschaulicher realisiert worden ist als in jenem Büchlein, das auf ebenso amüsante wie seherische Weise schon im Jahr 1829 das Prinzip der nie endenden Serien vordigital algorithmisch umsetzte: "Neunhundertneunundneunzig und noch etliche Almanachs-Lustspiele durch den Würfel. Das ist: Almanach Dramatischer Spiele für die Jahre 1829 bis 1961. Ein Noth- und Hülfs-Büchlein für alle stehenden, gehenden und verwehenden Bühnen, so wie für alle Liebhabertheater und Theaterliebhaber Deutschlands - von Simplicius, der freien Künste Magister."

1.200 Dialog-Fetzen lassen sich nach einem Tableau in hunderttausende von Theaterstücken zusammenwürfeln, alle gleich lang und alle gleichartig. Die Ergebnisse erinnern stark an gegenwärtige Fernsehformate.