Jene Phrase, die in den letzten Tagen von Politikern und Journalisten in der Corona-Debatte gern verwendet wurde, tut mir richtig weh - wenn man das sprachliche Bild ernst und wörtlich nimmt. "Österreichs Corona-Ritt auf der Rasierklinge" titelte am Montag die Deutsche Presse-Agentur (dpa), und die Meldung erschien prompt auf den Internetseiten einiger bundesdeutscher Tageszeitungen. "Das Land wagt die Öffnung aller Geschäfte und der Schulen. Die strengen Hygieneregeln sollen die Macht der Pandemie endlich brechen. Zugleich rückt Tirol wieder ins Blickfeld."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Die Wendung "Ritt auf der Rasierklinge" ist recht jung und im gesamten deutschen Sprachraum verbreitet. In Österreich hat sie seit Jahresbeginn Hochkonjunktur. Als der grüne Vizekanzler Werner Kogler zum Zustandekommen der Koalition mit Sebastian Kurz befragt wurde, verwendete er gleich zwei Reiter-
Metaphern: "Das ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Ich habe immer mit dem Clint-Eastwood-Prinzip argumentiert: Wir reiten in die Stadt - der Rest ergibt sich."

Dann ging es richtig los. "Der Ritt auf der Rasierklinge" lautete am 18. Jänner in den "Oberösterreichischen Nachrichten" der Titel eines Meinungskommentars zu den geplanten Lockerungen, die mit einer Testoffensive verknüpft sind. Der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP) griff am 1. Februar die Rasierklingen-Metapher auf - er wurde seither oft zitiert.

Vermutlich wird die Redewendung deswegen verwendet, weil sie bizarr klingt und nicht abgedroschen ist. Wer sagen möchte, dass etwas ein riskantes Unterfangen ist, ein Unternehmen mit ungewissem Ausgang, der könnte sich auch einer gängigen Ausdrucksweise bedienen: ein Drahtseilakt,
eine Gratwanderung, ein Vabanquespiel, ein Tanz auf dem Vulkan usw.

Ich vermute, dass bei "Ritt auf der Rasierklinge" eine englische Redewendung Pate stand. "The Razor’s Edge" heißt ein Roman von William Somerset Maugham mit einem vorangestellten Zitat von Katha-Upanishad: "Schwer ist es, auf der scharfen Schneide des Rasiermessers zu wandeln; so schwer ist auch, wie der Weise sagt, der Weg zum Heil." Außerdem gibt es im Englischen die Wendung "dance on the razor’s edge", was sich wörtlich ins Deutsche übersetzen lässt. Ein Sportjournalist der Tageszeitung "Die Presse" hat es getan. Am
24. Jänner schrieb er zum Abfahrtserfolg von Sofia Goggia: "Seit mehreren Wochen meistert die Italienerin einen Tanz auf
der Rasierklinge, bringt einen wilden Ritt nach dem anderen ins Ziel und hat am Samstag
im Wallis ihre bereits vierte Weltcupabfahrt in Folge ge-
wonnen."

Vielleicht wurde "Tanz auf der Rasierklinge" mit der Phrase "das ist ein Ritt über den Bodensee" vermengt. Der Vergleich beruht auf einer Sage, die der schwäbische Schriftsteller Gustav Schwab nach einer mündlichen Überlieferung zu einer Ballade umgewandelt hat. Erzählt wird von einem Mann, der ahnungslos über den zugefrorenen und verschneiten Bodensee reitet. Als er, glücklich angekommen, erfährt, welcher Gefahr er sich ausgesetzt hat, fällt er vor Schreck tot zusammen. Das wünschen wir nach überstandener Pandemie niemandem.